Gastgewerbe Gedankensplitter


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Dienstag, November 26, 2002

Wenn man sich bei Weinen die Breite an Qualität und Preisen anschaut, kann man als Bierliebhaber Tränen in die Augen bekommen. Kaum eine Brauerei schafft es, Biere anzubieten, die mehr wert sind als ein paar Mark. Statt ihre handwerkliche Kunst auf Bier zu konzentrieren, wetteifern sie um Werbemittel, vor allem Trucks, als wären sie Automobilbauer statt Brauer. Dabei ist es doch relativ einfach, Biere wertvoll zu machen:
  • Verknappen. Stepfan Zehendner z.B. macht den Trend zu immer früheren Bockbieranstichen nicht mit, nur weil der Einzelhandel Artikel vorzeitig anbieten möchte (Weihnachtsgebäck ab September und ab Januar dann Osterhasen). Bockbieranstich ist erst kurz vor Weihnachten, in diesem Jahr am 13. Dezember. Und im Handel gibt es keine einzige Flasche seines "Mönchsambacher Weihnachtsbocks", sondern nur in der Brauereigaststätte selbst und einigen wenigen Gaststätten, die seine Biere das ganze Jahr über vom Faß verkaufen (dürfen). Das Bockbier vom Faß ist meist am ersten Abend weg. Und wenn jemand zwei Kästen kaufen will, bekommt er meist nur einen, weil die anderen auch noch einen haben möchten...
  • Jahrgangsbiere. Da die meisten Brauereien eher Probleme haben, ihre Biere haltbar zu machen, statt gleich Biere zu brauen, die wie gute Weine im Laufe der Zeit besser werden, kommen die wenigsten auf den Gedanken, Jahrgangsbiere zu brauen und es damit den Winzern mit ihren Jahrgangsweinen und Jahrgangschampagnern gleichzutun. Eine Ausnahme ist der Braumeister Andreas Werner von der Brau Union Österreich. Er hat ein Reininghaus Jahrgangspils kreiert, ausschließlich aus Leutschacher Hopfen, der in diesem Jahr witterungsbedingt ein besonders herrliches Hopfenaroma ausbilden konnten. Dieses Pils gibt es nur in der gehobenen Gastronomie und im Gassenschank in der Grazer Vinothek (!) bei der Oper (Karl Lamprecht). (Quelle: "Schlankes Pils mit fruchtiger Hopfennase", in: Kurier online vom 23. November 2002). Ganz so neu ist diese Idee (außerhalb des deutschsprachigen Raumes) natürlich nicht, sondern in Belgien gang und gäbe. So wird das "Kasteelbier Ingelmunster", ein dunkelbraunes, portweinähnliche Jahrgangsbier zur Reifung im flämischen Schloss Ingelmunster gelagert (alc. 11% vol.).
  • Nur saisonale Verfügbarkeit. So gibt es den "Hartmann Felsenkeller", aus der Brauerei Hartmann in Würgau, mit einem Hauch von Whiskymalz nur in den Sommermonaten, genauso wie das "Alte Klosterbrauerei Vierzehnheiligen Erntebier", ein Drei-Korn-Bier.
  • Große Flaschen, limitierte Mengen. 1999 hat Boston Beer, eine Gasthausbrauerei, ein "Samual Adams Millennium Ale" gebraut mit 20% vol. alc. Es wurden nur 3.000 Flaschen zu je 0,75 Liter abgefüllt und laufend numeriert. Die Nummer 1 erzielte bei einer Internetauktion knapp 5.000 US-Dollar. Weitere Nummern gingen für um die 1.000 US-Dollar je Flasche weg. Keith Galbraith und Ben Middlemiss von Galbraith's Alehouse haben in Neuseeland die größe und teuerste Flasche Bier hergestellt: "Millennium Balthazar" mit 12 Litern Romanov-Bier für 890 neuseeländische Dollar. Ausserdem gab es noch Jerobeams (3 Liter) für 80 neuseeländische Dollar und Magnum-Flaschen (1,5 Liter) für 33,75 neuseeländische Dollar (Quelle: Camerun Williamson, "Big can be better", in: Real Beer Page)
  • BieraboBegrenzte Haltbarkeit, Frischeprodukt. Die Klosterbrauerei Neuzelle gibt auf ihr Produkt "Schwarzer Abt" eine Frischegarantie von 14 Tagen, d.h. das Bier gelangt spätestens 14 Tage nach Abfüllung zum Besteller. Das Bier selbst hat eine Mindesthaltbarkeit von sechs Monaten. Stefan Zehendner von der Mönchsambacher Brauerei weigert sich, seine Biere im Getränkefachgroßhandel zu vertreiben, weil er vermeiden will, daß Biere überaltert erhältlich sind. Solche Strategien, Bier als frisches Produkt zu positionieren, unterläuft die Strategien der großen Braukonzerne, ihre Biere national oder international zu distribuieren und dafür stärker zu filtrieren und damit Geschmacksträger zu entfernen. Wie wäre es damit, Bier anzubieten, daß auf dem Weg bis zum Kunden gekühlt werden muß und damit den Weg zu öffnen in die Kühltheken des Lebensmitteleinzelhandels, von Bäckern und Metzgern, so wie das Müller Milch mit seinen Säften durch den Zusatz von 10% Süßmolke geschafft hat (z.B. "Müller Drink Blutorange")?