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Donnerstag, Dezember 30, 2004

Wiegard contro Bofinger.

Am 9. Mai 2004 habe ich geschrieben:
Das zum 1. März 2004 von der rot-grünen Bundesregierung in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hinein bugsierte SPD-Mitglied Prof. Dr. Peter Bofinger macht sich für seine Förderer bereits in Form wohlfeiler, als sachverständige Kommentierung getarnter Proganda bezahlt: "Wirtschaftsweiser hält EU-Stabilitätspakt für «Zwangsjacke» gegen den Aufschwung", in: Netzeitung vom 9. Mai 2004. Ich frage mich, wie lange sich das die anderen Mitglieder des Sachverständigenrates, die sich um den Ruf des Rates sorgen müssen, noch schweigend anschauen? Insbesondere der auch der SPD angehörende Ratsvorsitzende, Prof. Dr. Wolfgang Wiegard, hat sich ja nicht zu platter Parteinahme hinreißen lassen, sondern kompetent und wissenschaftlich begründet argumentiert, ohne Rücksicht auf das tagespolitische Geschwätz seiner Genossen in der Regierungsverantwortung.
Heute meldet die Netzeitung: "Wiegard will nach Streit Vorsitz im Sachverständigenrat abgeben".

Meines Erachtens wäre es, statt den Vorsitz niederzulegen und den Sachverständigenrat zu verlassen, besser, die vier kompententen Ökonomen des Gremiums legten dem Parteisoldaten Bofinger nahe, das Gremium zu verlassen, notfalls per offenem Brief.

Ich habe Prof. Wiegard als Assistenten am Lehrstuhl für Finanzwissenschaft in Heidelberg, bei dem ich meine Diplom-Arbeit geschrieben habe, als überaus kompetenten Wissenschaftler und integre und durchsetzungsstarke Persönlichkeit kennengelernt. Er sollte jetzt den Schwanz vor Prof. Bofinger nicht einziehen, sondern dafür sorgen, daß der Parteidemagoge endlich aus dem Sachverständigenrat rausgeschmissen wird.

Kommentare:
Ich kann Ihnen nur recht geben und ich kann uns allen nur wünschen, dass Herr Wiegard nicht aufgibt.

Von Herrn Bofinger hatte ich noch nie etwas gehört, da die Tätigkeit und Wohl und Wehe des Sachverständigenrates für mich - zumindest beruflich - eine Randerscheinung sind.

Allerdings habe ich mich ab und zu sehr wohl für einzelne Befindungen interessiert, z.B. zur deutschen Einheit und immer wieder festgestellt, dass der Rat wohltuend zuverlässig, intelligent, durchdacht, pragmatisch und unabhängig informiert. Da ich von Bofinger nichts wusste, habe ich seine Publikationen im Internet aufgesucht.

Email an ihn (auf die ich natürlich nie eine Antwort bekommen werde - aber ich hatte jetzt ein paar Tage frei): "Wissenschaft und Demagogie"

"Hallo Herr Bofinger,

Herr Wiegard beklagt sich über Sie - wieso eigentlich?

Ich wollte es gerne wissen, ob Sie denn vielleicht nach politischer Linie von der Bundesregierung ausgewählt wurden. Und siehe da: das könnte so gewesen sein.

Erinnern Sie sich an 1990? Ein riesiger Nachfrageschub in Deutschland. Wissen Sie noch, wie lange er vorgehalten hat?

Die USA können mit Nachfrage etwas "reissen", weil die Rahmenbedingungen gesund sind. Für Deutschland, Frankreich, Westeuropa bringt Nachfrage keine nachhaltigen Impulse, weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen.

Bisher hatten wir einen guten Sachverständigenrat. Jetzt wird er wohl zum politisierten Vehikel transformiert, das Regierungspolitik absegnet. Schade.

Mit freundlichen Grüssen

HH Schrader" (email: HHSchrader@Hotmail.com)

Wenn Sie Herrn Wiegard kennen, schreiben Sie ihm doch bitte, dass die Öffentlichkeit sich der Tatsache bewusst ist (sein sollte), dass der Sachverständigenrat missbraucht werden und sein Unabhängigkeit verlieren soll. Ich hoffe, die deutschen Medien werden das Skandalöse des Vorgangs bloss stellen und eine der wenigen grossartigen unabhängigen Institutionen auf volkswirtschaftlichem Gebiet, die es in Deutschland gibt, unterstützen.
 
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