Gastgewerbe Gedankensplitter



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Freitag, April 29, 2005

Von Heuschrecken und Juden.

Der SPD-Bundesvorsitzende Franz Müntefering hat Finanzinvestoren mit Heuschreckenschwärmen verglichen (siehe dazu auch "Heuschrecken-Vergleich: Lafontaine giftet wieder gegen Parteifreunde", in: Der Spiegel vom 22. April 2005).

Ich möchte ihm nicht absprechen, zu wissen, daß er, wenn er Menschen mit wenig populären Tieren vergleicht, sich einer unsäglichen Metapher bedient. Schon Adolf Hitler hat in "Mein Kampf" Juden mit einer "sich blutig bekämpfenden Rotte von Ratten" verglichen (siehe dazu: "Zur Rassenideologie der NS-Diktatur"). Und Franz-Josef Strauß verglich Journalisten mit "Ratten und Schmeißfliegen".

Dieser Rückgriff auf die Nazi-Terminologie scheint kein Zufall zu sein, sondern ein verzweifelter Versuch, katastrophale Umfrageergebnisse zu verbessern. So haben die Nazis einst zum Boykott jüdischer Geschäfte und Dienstleister aufgerufen (siehe dazu: "Geschäftsboykott", in: Deutsches Historisches Museum. Ute Voigt, Landesvorsitzende der SPD Baden-Württemberg, hat zum Boykott von Unternehmen aufgerufen, die betriebsbedingt Mitarbeiter entlassen müssen (siehe dazu: "Haarspalterei um Boykottaufruf", in: Stern vom 19. April 2005.).

Der IG Metall-Vorsitzende Jürgen Peters spricht davon, bei einem Teil der Manager habe sich "eine Raffke-Mentalität breit gemacht, die keine moralischen Grenzen mehr kennt" ("Grüne warnen vor Ideologisierung der Debatte", in: Leipziger Volkszeitung vom 19. April 2005. Für die jüngeren unter unseren Lesern: "Raffke" beschimpften die Nazis die angeblichen Kriegsgewinnler (des 1. Weltkriegs) und Inflationsschieber (der Weltwirtschaftskrise).

So verwundert es nicht, wenn Müntefering vor der SPD-Bundestagsfraktion explizit Saban Capital, also das Unternehmen des Finanzinvestors Haim Saban, der eine amerikanische und israelitische Staatsbürgerschaft besitzt, als Heuschrecke diffamiert hat: "Müntefering nennt Ross und Reiter", in: Spiegel vom 29. April 2005.

Man muß der Sozialdemokratie aber zu Gute halten, daß Münteferings Kampagne einigen Sozialdemokraten gehörig auf den Keks geht. Siehe dazu "Glotz nimmt Deutsche Bank in Schutz", in: Berliner Zeitung vom 24. April 2005.

Wohlgemerkt: Ich werfe den Sozialdemokraten keinen Antisemitismus vor. Die SPD ist antifaschistisch gesinnt und fördert die guten Beziehungen zu Israel, wo es nur geht. Aber Franz Müntefering und einige Nachäffer der zweiten Reihe verwenden Metaphern und Kampfbegriffe, die denen gleichen, die auch von den Nationsozialisten verwendet worden sind. Sie versündigen sich damit an der antifaschistischen Tradition der SPD. Willy Brandt würde sich im Grabe herumdrehen.

Die SPD hat seitdem bei den Umfragen 3 Prozentpunkte verloren. Die Grünen, die sich davon distanziert haben (siehe: "Grüne warnen vor Ideologisierung der Debatte", in: Leipziger Volkszeitung vom 19. April 2005), haben einen Prozentpunkt zulegen können ("Kapitalismuskritik lässt Wähler kalt", in: Handelsblatt vom 29. April 2005).

Kommentare:
Zu Müntefering und Compagnie kann man sicherlich vieles sagen.

Tatsache ist aber derzeit, dass einige der großen Finanzinvestoren mit einer jährlichen Eigenkapitalrendite von 40 bis 50 % rechnen.

Bei dieser Rendite würde auch jeder Mittelständler mit der Zunge schnalzen...

Diese Angaben stammen übrigens aus der Wirtschaftswoche.

Versuchen Sie doch einmal bei der Deutschen Bank, sofern Sie Kunde sind eine Geldanlage abzuschließen, die Ihnen mehr als 25% Eigenkapitalrendite bringt (derzeit die Rendite der Deutschen Bank).

Ich glaube Ihr Finanzberater würde Sie für verrückt erklären und gleich weiter an die Fianzanlagenbetrüger verweisen.
 
Finanzinvestoren wie auch Business Angels, also die auf Existenzgründungen spezialisierten Investoren, benötigen bei dem Teil ihrer Investitionen, die erfolgreich sind, in der Tat eine überdurchschnittlich große Rendite. Sie müssen mit diesen Erfolgen die Verluste, häufig Totalverluste, ausgleichen, die ihnen bei anderen Investitionen widerfahren.

Diese Gewinne erzielen sie dadurch, daß andere, die risikoscheuer sind, bereit sind, für erfolgreiche Existenzgründer bzw. sanierte Unternehmen - nachdem bewiesen worden ist, daß die Existenzgründung oder Sanierung erfolgreich gewesen ist - mehr zu zahlen.

Wer ernsthaft fordert, riskante Investitionen dürften sich nur mit niedrigen Renditen riskieren, will iim Grunde, daß niemand sich an riskanten Investitionen beteiligt. Die Folgen wäre fatal: Existenzgründer bekommen kein Fremdkapital mehr. Unternehmen, die auf der Kippe stehen, bekommen kein neues Fremdkapital mehr, das sie benötigen, um die Chance einer Sanierung zu wagen.

Wenn Sie dem Management der Deutschen Bank zutrauen, eine Eigenkapitalrendite von 25% zu schaffen, sollten Sie der Deutschen Bank Eigenkapital zur Verfügung stellen, d.h. Aktien der Deutschen Bank kaufen. Eine solche, riskante Anlage mit der Rendite einer sicheren Anlage (z.B. Sparbuch) zu vergleichen, ist einfach Unsinn.
 
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