Gastgewerbe Gedankensplitter


Kostenlose Gastro News - wöchentlich, über 19.500 Abonnenten

Powered by KBX7

« Home | Hofbraeuhaus, Dubai. » | Wissensdossier zum Thema Akquise und Kundenbindung... » | StudiVZ: Wegen Ueberfuellung geschlossen. » | Gastro-Text macht sich stark für korrekte deutsche... » | Rauchen oder futtern. » | Bewerberauswahl per StudiVZ III. » | Schall und Rauch. » | Bewerberauswahl per StudiVZ II. » | Rauchfreie Disco. » | Bewerberauswahl per StudiVZ. »


Dienstag, November 14, 2006

StudiVZ: Kaum der Rede wert.

In einem Kommentar zur gegenwärtigen Kritikwelle in Blogs, die gegen StudiVZ brandet, schreibt :"Viel Lärm um nichts", in: Provinzblog vom 14. November 2006.
"Die Nutzer von StudiVZ interessiert das wenig. Das sind zu großen Teilen technisch unbedarfte Studierende, die keine Datenschutz-Paranoia haben. Sie wollen möglichst einfach mit anderen Leuten in Kontakt treten, ihre Freunde im Auge behalten und ab und an ihre Party-Fotos hochladen. Mehr nicht. Kein AJAX, keine Blogfunktion, keine technischen Spielereien, die sie eh nicht verstehen - genau das bietet StudiVZ.

Es ist so ein langweiliges System, dass es kaum der Rede wert ist. Mit seinen marginalen Kommunikationsfunktionen in Form von Gruppen-Foren und Personal Messages ist es dann auch extrem Retro und nicht mal ansatzweise Web2.0. Selbst mein Email-Konto bietet inzwischen mehr Kommunikationsmöglichkeiten als StudiVZ! Lange wird sich das Konzept so, wie es jetzt ist, sowieso nicht halten können. Ich glaube nicht, dass so viel Kommunikation über diese Plattform stattfindet, wie es gerne von den Betreibern behauptet wird. Wenig Funktionen gepaart mit lahmen Servern und keinem tragfähigen Geschäftsmodell, was soll daraus werden? "
Der Vermutung, daß nicht viel Kommunikation über diese Plattform stattfindet, kann ich widersprechen. Im Rahmen einer "teilnehmenden Beobachtung" bin ich seit Anfang November 2006 intensiver Nutzer von StudiVZ. Meine zugegebenermaßen subjektiven Eindrücke, die aber durch Interviews nicht zufällig ausgewählter anderer Teilnehmer bestätigt werden:
  • Vorhandene reale Kontakte werden per StudiVZ dichter, weil man sieht, wer gerade online ist (aehnlich wie bei ICQ und anderen Instant Messenger Systemen) und dann spontan kommuniziert. Man könnte sowas eine Kneipen-/Partyfunktion nennen. Man sieht Freunde und Bekannte auf einer Party und nickt sich zu, wechselt ein paar Worte. Dabei geht es meist weniger um die Inhalte als um das Gefühl, sozial eingebunden zu sein, geschätzt zu werden, Gefühle, wie sie früher in Großfamilien, heute teilweise in Wohngemeinschaften befriedigt werden. Typisch die Aussage einer Mainzer Studenten:
    "Ich nutze das Studivz eigentlich nur, um reale Bekannte miteinander zu vernetzen, d.h. ich kommuniziere fast nur mit Leuten, die ich auch in der Realität des öfteren sehe und schon kenne.

    Schön finde ich, dass man dort auch Leute trifft, die man nur selten sieht im 'wirklichen' Leben. Denn so kann man den Kontakt leichter aufrecht erhalten. Oder ich schreibe z.B. mit meinen Arbeitskolleginnen, mit denen ich ansonsten privat wahrscheinlich eher wenig zu tun hätte, obwohl sie sehr nett sind."
  • Vorhandene soziale Kontakte werden intensiviert, weil man mehr über einander erfährt. Wir veranstalten in unserem Café Abseits in Bamberg alljährlich ein "Wichteln". Dabei werden unter den Teilnehmern die Namen der anderen Teilnehmer verlost und man sucht für den Gezogenen ein Geschenk, das in einer Art vorgezogener Weihnachtsfeier ("Wichtelparty") verschenkt wird. Dieses Spiel an sich schon motiviert, sich mit der Person des zu Beschenkenden zu beschäftigen. Welche Hobbies hat er, was liest er gerne, welche Musik hört er, hat er evtl. schon das, was man sich als Geschenk überlegt hat? Fast noch schöner als die Geschenke sind die Spekulationen, wer denn wohl wessen Wichtelpartner sei. Es gibt Gerüchte, Verräter oder es werden gar falsche Spuren gelegt, in dem man sich scheinbar für jemanden interessiert, mit dem man bisher kaum Kontakt gehabt hat, nur um den falschen Eindruck zu erwecken, er sei derjenige, den man beschenken darf, nur um von der richtigen Lösung abzulenken. Dabei kommen nun auch die Selbstdarstellungen in StudiVZ ins Spiel mit ihren mehr oder weniger vielfältigen Informationen über Interessen, Hobbies, Vorlieben und Abneigungen. Kurz gesagt: Wenn sich Belegschaften freiwillig in einer solchen virtuellen Community organisieren, kann dies das Betriebsklima verbessern, insbesondere in solchen Unternehmen, wo sich nicht alle ständig über den Weg laufen, bei uns z.B. durch den 3-Schicht-Betrieb und viele Teilzeitmitarbeiter.
  • Frühere, abgebrochene Kontakte etwa zu ehemaligen Schulkameraden, Studienfreunden, Arbeitskollegen, Mitarbeitern werden aufgefrischt, wenn man sich in StudiVZ wieder über den Weg läuft. Vielleicht wird man die meisten dieser Kontakte nicht mehr intensiv weiter verfolgen, weil es ja einen Grund hatte, sie abzubrechen oder auslaufen zu lassen. Aber den Nutzern verschaffen diese Kontakte das Gefühl der eigenen Historie, der eigenen Identität. Ich würde das vergleichen mit den Gefühlen und der Motivation, in Fotoalben zu wälzen oder sich alte Videos anzuschauen, in denen Freunde, Verwandte, Bekannte oder man selbst zu sehen ist. Auch dabei geht es meist weniger um Informationen als um das sich Erinnern an früher (gemeinsam) Erlebtes. Typisch die Aussage einer Jurastudentin aus Bayreuth:
    "ich nutze das StudiVZ in erster Linie dazu, um wieder mit alten Freunden in Kontakt zu treten. Leider verliert man sich gerade nach dem Abitur oder auch im Studium sehr leicht aus den Augen. Insoweit bietet das StudiVZ -sofern es denn mal funktioniert- meiner Meinung nach eine gute Möglichkeit herauszufinden, was aus diversen Leuten geworden ist bzw. wo es sie hin verschlagen hat."
  • Gerade wenn es jemand in eine neue Region verschlägt, kann er, eventuell sogar vorab, Kontakte zu Menschen aufnehmen, um dort einen neuen Bekanntenkreis aufzubauen. Ein Beispiel aus dem Blog "Dany goes Dubai":
    "Gegen 12 klingelte es dann an der Wohnungstür: Julia hatte es geschafft, sich durch den verrückten Verkehr zu uns durchzukämpfen. Sie ist erst seit Sonntag in Dubai - wir haben uns über's StudiVZ kennengelernt und auf Anhieb super verstanden."
    Die Virtuelle Community ersetzt oder ergänzt damit erleichternde Kontaktaufnahme, wie sie auch reale Communities wie Freimaurer, Lions, Religionsgemeinschaften, Parteien, Großfamilien, ethnische Bande usw. bieten, bei denen man zwar die Region wechsels, aber als Mitglied der Gemeinschaft auch in der neuen Region willkommen geheißen wird. Früher nahmen etwa die Zünfte diese Funktion ein, aber auch die Orden. So sind Klöster nach der Regel des Heiligen Benedikt verpflichtet (gewesen,) Gäste aufzunehmen.
  • Nicht zuletzt haben solche Communities auch die Funktion von erotischen Kontaktbörsen. So verkündeten zwei Teilnehmer des StudiVZ-Forums "'Single?' - 'Schuldig im Sinne der Anklage!' Erlangen / NürnbergForum", die sich gewissermaßen vor den Augen der anderen Gruppenteilnehmer angebaggert haben, gestern der Runde, sie hätten es, weil sie jetzt zusammen seien, nicht mehr nötig zu der geplanten Party (im Real Live) zu kommen, würden dies aber dennoch gerne tun.
Zugegeben, noch sind die Regeln für das Verhalten in solchen virtuellen Communities wie StudiVZ nur in Ansätzen erkennbar, nicht schriftlich gefaßt, kaum untersucht, wenn sie auch in einigen Gruppen diskutiert werden. Es gibt noch keinen Text "StudiVZ für Anfänger". Aber das ist wenig verwunderlich. Es hat z.B. auch einige Zeit gedauert, bis sich eine Netiquette etwa für das Verhalten in Mailinglisten herausgebildet hat.

Siehe dazu auch den Beitrag "Blogs sind doof II" von Robert Basic, der gegenüber StudiVZ zu recht sehr kritisch eingestellt ist, - nicht bezogen auf StudiVZ sondern auf das Web ganz allgemein - schreibt:
"muss man mehr von sich im Netz zeigen, um dem anderen eine Chance zu geben, dich als Person besser wahrnehmen zu können. Es ist wichtiger als das herkömmliche, urbane Verhalten der Mitmenschen im RL. Man sagt nicht auf der Straße 'Guten Tag', man redet kaum mit seinen Nachbarn, ja, gar man redet und trifft sich selten mit seinen nächsten Verwandten. Im Web schon.Eventuell kann man damit aber auch besser verstehen, warum immer mehr Menschen ihre 'persönlichen Daten' (Profile in Social Networks zB) so ausbreiten. Ich würde es unter dem Thema 'Digitale Identität' subsummieren. Was benötigt man an Informationen welcher Art auch immer, strukturiert wie auch unstrukturiert, um eine Identität aufzubauen? Wie schützt man sich vor fremden bzw. unwillkommenen Blicken, obwohl doch die Tür an sich für alle offensteht."
Technorati-Tag: StudiVZ.

Kommentare:
Interessant das Ganze aus einer "Vielnutzer"-Perspektive zu sehen. In unseren Studiengang sind zwar alle in StudiVZ, aber die Wenigsten nutzen es auch aktiv. Kommunikation findet bei uns mehr über ICQ, Skype und Konsorten statt, was daran liegt, dass wir auch viel virtuell über Internet zusammen arbeiten. Da bietet StudiVZ selbst einfach noch zu wenig an Kommunikationsmittel. Es ist eben, wie du schon schreibst, wirklich nur ein Ergänzung zur Kontaktaufnahme.

Auch die Vernetzung von Freunden sehe ich durchaus positiv, ich habe einen sehr alten Schulfreund über StudiVZ wiedergefunden. Außerdem vergesse ich keine Geburstage mehr :D

Alles in allem ein sehr lesenswerter Artikel, der mir einige neue Perspektiven aufgezeigt hat.
 
Kommentar veröffentlichen