Gastgewerbe Gedankensplitter



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Sonntag, Februar 24, 2008

"Denn schiere Masse treibt einen in den Wahnsinn".

Ullrich Fichtner, "Spiegel-Reporter mit Dienstsitz Paris", polemisiert in seinem Artikel "Was Blogs so anrichten", in: Spiegel Online vom 23. Februar 2008:
"Es gibt also viel, sehr viel zu lesen, man reibt sich bald die müden Augen, und nach ein paar weiteren Stunden zwischen Google und diversen Link-Listen sehnt man sich in Goethes Zeiten zurück, in denen es noch nicht einmal Telefon gab, geschweige denn DSL-Leitungen."
Wenn Goethe geahnt hätte, was Telekommunikation ist, hätte er sich wohl eher danach gesehnt. Zumindest hätte er den Boten seiner über 1700 Briefe an Charlotte von Stein - häufig schrieb er ihr sogar mehrmals am Tag - viele Wege ersparen können. In diesen Briefen hat er oft Gedichte eingestreut, Naturbeschreibungen oder Tagebucheintragungen, eine Vielzahl von literarischen Formen, wie sie auch Blogs eigen sind. Goethe hätte sicherlich auch fotografiert - und nicht nur Pflanzen - und mit Pods und Videos seine Frau von Stein angebaggert.

Auch früher schon waren bestimmte Briefe und auch Tagebücher nicht nur für den Empfänger oder den Tagebuchschreiber selbst bestimmt. Eine spätere Veröffentlichung ist häufig bereits zum Zeitpunkt des Schreibens geplant oder vorhersehbar gewesen. Heute macht man sowas zeitgleich in einem Blog. Ob solchen Briefwechseln mit ihrer "heterogenen Textqualität, der Vielfalt der Anlässe, Situationen und Tonlagen des Schreibens" ein Werkcharakter zugeschrieben werden soll, ist ähnlich umstritten (siehe dazu: Astrid Köhler: Bettina Hey'l: Der Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter), wie sich auch um den Werkcharakter von Weblogs streiten läßt.

Die weniger persönlichen als journalistischen, technischen, kommerziellen oder wissenschaftlichen Weblogs erinnern mich an die Zettelkasten, z.B. von Niklas Luhmann oder Arno Schmidt. Gerald Heidegger hat Weblogs gar mit dem Projekt "Die Fackel" von Karl Kraus verglichen. Quelle: "Das Ende der Geheimbünde", in: ORF ohne Datum (gelesen am 13. Oktober 2003).

Siehe dazu auch: "Durchs Meer des Irrtums surfen - Fichtner über die Foodblogosphäre", in: molekularküche vom 22. Februar 2008.

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