Gastgewerbe Gedankensplitter



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Samstag, April 05, 2008

Mehr Verkehrsunfaelle wegen Rauchverbot.

"Drunk driving after the passage of smoking bans in bars", in: Journal of Public Economics, June 2008.

In den USA gibt es Kommmunen und Bundesstaaten mit und ohne gesetzliches Raucherverbot in der Gastronomie - teilweise seit vielen Jahren. Nach einiger Zeit zeigen sich dort mehr oder weniger überraschende Effekte, an die hierzulande vermutlich kein Schwein gedacht hat.

Scott Adamsa vom Department of Economics, Bolton Hall, University of Wisconsin-Milwaukee, Milwaukee, und Chad Cotti, von der University of Wisconsin-Oshkosh, haben Daten ausgewertet und herausbekommen, daß es in Folge des Rauchverbots zu einem fatalen Anwachsen von Verkehrsunfällen gekommen ist.

Das klingt überraschend. Doch an sich ist dieser Effekt leicht zu erklären: Raucher meiden Nichtraucherkneipen in ihrer Umgebung und fahren auf der Suche nach Bars, in denen sie rauchen dürfen, oder in Kommunen und Staaten, in denen das Rauchen in der Gastronomie generell erlaubt ist, längere Strecken.
"We find evidence consistent with both explanations. The increased miles driven by drivers wishing to smoke and drink offsets any reduction in driving from smokers choosing to stay home following a ban, resulting in increased alcohol-related accidents. This result proves durable, as we subject it to an extensive battery of robustness checks."

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Kommentare:
Anscheinend haben Sie nur das Deckblatt gelesen, oder das Fazit bewusst nicht zitiert.

"Communities should
step up enforcement measures that they find most effective. Alternatively, national governments
should be aware that local legislation banning smoking in the absence of a well-enforced national
ban may encourage drunk driving through cross border shopping. We do stress, however, that any
increase in drunk driving estimated in this paper will eventually have to be weighed against the
potential positive health impacts of smoking bans, something that may take years to determine."

Zusammengefasst wäre es am sinnvollsten ein landesweites absolutes Rauchverbot in der Gastronomie zu erlassen - Raucher haben dann keinen Anreiz mehr weiter zu fahren. Bundesweit das Rauchen wieder zuzulassen wäre ebenfalls kontraproduktiv - schliesslich würden die Nichtraucher dann weiter fahren um zu einem Nichtraucher-Restaurant zu fahren (um jetzt mal der hier vorherrschenden Logik zu folgen).
 
Es freut mich, dass Sie den empirischen Teil dieser Studie nicht in Frage stellen.

Ob es sinnvoll für empirische Wissenschaftler ist, daraus unvermittelt politische Forderungen abzuleiten, moechte ich bezweifeln. Sachlich koennte man gegen die Folgerung, dann muesse man eben ein bundesweites Rauchverbot erlassen z.B. einwenden, dass, wenn es nicht moeglich ist, in andere Regionen auszuweichen, andere Moeglichkeiten gesucht werden, einem Verbot auszuweichen wie z.B. Raucherclubs oder auch das Verbot zu ignorieren.

Zudem sollte man nicht uebersehen, dass amerikanische Bundesstaaten von der Flaeche her gesehen eher mit europaeischen Staaten zu vergleichen sind als mit den deutschen Bundeslaendern. Selbst bei einem bundesweiten Verbot in Deutschland werden Raucher in den Grenzgebieten zu anderen Staaten, in denen das Rauchen in der Gastronomie nicht verboten ist, ausweichen. Natuerlich steht es Ihnen frei, dann ein europaweites Verbot zu fordern.
 
Ich finde die Studie grundsätzlich gut gemacht und zweifle die Ergebnisse auch nicht an. So eine Veränderung im Verhalten war zu erwarten. Allerdings zeigt das meiner Interpretation nach eher, dass die Strafen für "drunk driving" bzw. die Gefahr erwischt zu werden anscheinend nicht hoch genug sind.

Ähnliche Effekte wären auch zu erwarten, wenn größere Preisunterschiede für alkoholische Getränke, oder Unterschiede in der Legalität anderer Drogen zwischen Staaten besteht (siehe z.B. NRW und Holland). Glücklicherweise sind Tanktouristen nicht high, sonst hätten wir hier auch ein massives Problem. :-)

Ein europaweites Rauchverbot in der Gastronomie wird über kurz oder lang kommen, da bin ich mir ziemlich sicher. Ob das der richtige Weg ist, sei dahingestellt.

Als Nichtraucher begrüße ich das Rauchverbot natürlich und als Volkswirt glaube ich nicht an die langfristen negativen Auswirkungen für die Gastronomie. Hier stellen die Gastronomen ihr Licht zu sehr unter den Scheffel. Der Hauptgrund für das Aufsuchen eines Restaurants oder einer Bar sollten die vom Wirt bereitgestellten Produkte/Güter sein. In der Diskussion wird es immer so dargestellt, als ob Raucher lediglich wegen der Möglichkeit des Tabakkonsums überhaupt Kneipen und Diskotheken aufsuchen - diese Vereinfachung ist falsch.

Ich gebe zu, dass es zu kurzfristigen Ausweichbewegungen (z.B. weniger Besuche, Fahrten über die Grenze) kommt, aber langfristig ist hier kein nennenswerter Schaden zu erwarten. Aus Gründen der Fairness und um Marktverzerrungen zu verhindern sollte dabei aber gleiches Recht für alle gelten - also entweder ein Rauchverbot in der ganzen Gastronomie oder das Rauchen in allen Einrichtungen erlauben.

Meine bevorzuge Lösung für dieses Problem wäre die Versteigerung von Rauchlizenzen für Gastronomen. Hier würde man die Lösung des "Problems" dem Markt überlassen und gleichzeitig die Raucher nicht vollständig Ihrer Freuden berauben. Man könnte z.B. für 20% der in der lokalen Gastronomie vorhandenen Kapazität Rauchlizenzen (mit Auflagen für den Nichtraucherschutz) ausschreiben und gegen Höchstgebot versteigern. Gastwirte die den wirtschaftlichen Nutzen einer Rauchmöglichkeit in ihren Räumen hoch bewerten, werden bereit sein mehr für die Lizenz zu bezahlen als Gastwirte die nur einen geringen oder keinen Nutzen sehen. Da der Gastwirt seinen höheren Kosten in der Regel auf die Preise umlegen wird, werden auch Konsumten gezwungen sich zu entscheiden wie viel ihnen das Rauchen wert ist und Nichtraucher werden sich wahrscheinlich weigern das Rauchbedürfniss ihrer Begleitung mitzufinanzieren.
 
Vor allem die getränkeorientierte Gastronomie suchen die Gäste nicht auf, weil es dort etwas zu essen und zu trinken gibt. Essen und trinken kann man auch zu Hause, an der Tanke oder im Drive-Thru. Gaststätten, insbesondere, Kneipen, Bars und Diskotheken werden besucht, um dort andere Menschen kennenzulernen und wiederzusehen und mit ihnen zu kommunizieren. Gespraechspartner sind aber sowohl Nichtraucher als auch Raucher. Niemand bricht den Kontakt zu einem Raucher ab, nur weil er raucht, oder freundet sich mit einem Nichtraucher an, nur weil er nicht raucht.

Die Idee, das Rauchen in der Gastronomie zuerst zu verbieten, um dann einem Teil der Gastronomie es wieder gegen teures Geld zu gestatten (also uns Gastronomen abzuzocken), ist nicht neu. Die New Yorker Stadtverwaltung macht das schon fuer Abertausende Dollar pro Jahr.

Wenn man schon mit fiskalischen Mitteln arbeiten will, kann der Staat meinetwegen solchen Gastronomen, die in ihren Betrieben das Rauchen verbieten, eine Prämie zahlen. Die Höhe der Prämie kann man dann meinetwegen auch in einem Auktionsverfahren festlegen.
 
Stimmt, diese Leistung der Gastronomie hatte ich unterschlagen, bzw. vergessen. Sie ändert aber auch nichts an meinem Argument - man kann sich ja weiterhin in der Gastronomie unterhalten und Raucher haben auch weiterhin das Bedürfnis andere Personen (Raucher und Nichtraucher) zu treffen. (Im Moment ist die Kommunikation zwischen Rauchern und Nichtrauchern zugegebenermaßen etwas eingeschränkt, da Erstere alle paar Minuten vor die Tür oder in den Raucherraum müssen. )

Vielleicht können wir uns auf folgendes einigen: Wenn das "Komplettangebot" des gastronomischen Betriebes im Wert so knapp an der Grenze zwischen "wird genutzt" und "wird nicht genutzt" liegt, dass die Einschränkung der Rauchmöglichkeit für die Gäste ein Umschwenken auf "wird nicht genutzt" auslöst, dann stimmt etwas mit dem Angebot nicht.

Eine Lizenzgebühr wäre kein abzocken, jeder vernünftig handelnde Gastronom hätte (egal ob mit oder ohne Lizenz) am Ende des Jahres genausoviel Geld auf seinem Bankkonto. Der Trick dabei ist, die Lizenz nicht zu verkaufen oder mit einer Gebühr zu versehen, sondern (einmal jährlich) zu versteigern.

Der Preis für eine Lizenz würde sich so automatisch an den zugeordneten Nutzen anpassen. Bei einem festen Preis oder einer Prämie für rauchfreie Räume würde es dagegen zu Einkommensverschiebungen zwischen den Gastronomen kommen.

Eine ausführliche Darstellung dieses Zusammenhangs würde den Rahmen dieses Kommentars sprengen, ich kann aber z.B. den Wikipedia-Artikel zur Auction Theory empfehlen: http://en.wikipedia.org/wiki/Auction_Theory

Diese Lösung wäre wesentlich intelligenter und besser als das derzeitige absolute Rauchverbot.
 
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