Gastgewerbe Gedankensplitter



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Freitag, Juni 27, 2008

Speisekarten fuer Blinde.

Die Europäische Union will in der nächsten Woche einen Richtlinienentwurf vorlegen, der das umstrittene deutsche Antidiskriminierungsgesetz deutlich verschärfen würde: "EU-Pläne erschrecken Wirtschaft", in: Handelsblatt vom 27. Juni 2008. Vorgesehen ist unter anderem, Gaststätten zu verpflichten, Speise- und Getränkekarten in Blindenschrift bereit zu halten.

Wieviel Blinde gibt es überhaupt in Deutschland? Das hängt davon ab, wie man Blindheit definiert. Siehe dazu: "Häufigkeit und Ursachen von Blindheit und Sehbehinderung in Deutschland" von Prof. Bernd Bertram, Aachen, in: "Aktuelles" von Dr. Leber. Es gibt z.B. 133.660 Blindengeldbezieher. Das hört sich nach sehr viel an. Aber es stellt sich natürlich die Frage, ob alle Blindenschrift lesen können, wieviele davon ohne sehende Begleitung Gaststätten aufsuchen und sich häufige Gaststättenbesuche überhaupt leisten können. In Relation zur Anzahl der Gaststätten (186.535 im Jahre 2006) kommt ohnehin auf eine Gaststätte nur etwa ein Blinder. Zudem ist das Risiko, zu erblinden, auch altersabhängig. Von den 15- bis 49-Jährigen sind nur 0,1 % blind, bei den über 49-Jährigen, die überlicherweise Gastsätten seltener aufsuchen, sind es 0,5%.

Wie kann man eine Speisekarte in Blindenschrift drucken? Die Nikolauspflege in Stuttgart, eine Stiftung für blinde und sehbehinderte Menschen, druckt gegen vergleichsweise geringe Kosten Texte aus Word-Dateien in Braille-Schrift aus. in dem Artikel "Tomaten auf halb neun" werden neun Euro erwähnt.

Wenn ich mir für meinen Betrieb durchdenke, was die Verpflichtung, alle Speise- und Getränkekarten in Blindenschrift herstellen lassen zu müssen, sehe ich den enormen Organisations- und Kostenaufwand sofort. Wir produzieren, überwiegend im Eigendruck, pro Jahr:
  • eine Standardkarte
  • ca. 20 Bierkarten, die monatlich und in der Bockbiersaison teilweise wöchentlich wechseln
  • 52 Wochenkarten mit Tagesgerichten und anderen wöchentlich wechselnden Angeboten
  • eine Pizza-Karte jährlich
  • diverse Sonderkarten für saisonale Aktionswochen
  • eine Ausser-Haus-Preisliste etwa für Flaschenbieren zum Mitnehmen
  • Dutzende von Speise- und Getränkekarten für die Eventgastronomie und Eigenveranstaltungen.
Diese Karten werden meist im letzten Moment erstellt, alleine schon deshalb, um das Risiko zu minimieren, daß sich Änderungen ergeben, z.B. bestimmte Artikel nicht geliefert werden. Die Verpflichtung, all diese Karten auch in Blindenschrift zu erstellen, verursacht in der Summe nicht nur erhebliche Kosten, sondern erzwingt auch einen mehrtägigen, wahrscheinlich mehrwöchigen, Vorlauf in der Kartenproduktion.

Insbesondere Restaurants, die am Vormittag entscheiden, was sie abhängig vom aktuellen Angebot auf dem Markt am Abend anbieten, müßten sich einen Blindenschriftdrucker anschaffen.

Dieser Aufwand steht nach meiner Erfahrung in keiner Relation zu dem zu erwartenden Umsatz. Ich habe in 25 Jahren Berufspraxis noch nie erlebt, daß jemand nach einer Speisekarte in Blindenschrift gefragt hätte.

Bei einer Aktion des DEHOGA Baden-Württemberg haben sich ganze 9 Betriebe eine solche Karte erstellen lassen. Vermutlich aber weniger in der Erwartung, daß eine Nachfrage danach besteht, als in der Vermutung einer öffentlichkeitswirksamen Image-Verbesserung. Siehe dazu: "Angebot: Speisekarte in Blindenschrift", in: DEHOGA Baden-Württemberg.

Siehe dazu auch einen Bericht über die Wittenberger Gaststätte "Haus des Handwerks", die als erste Gaststätte in Sachsen-Anhalt eine Speisekarte in Blindenschrift anbietet: "Gastfreundlichkeit zum Anfassen", in: Abacho.com vom 31. Mai 2007. Der Restaurantinhaber Dirk Teschner hat einen Stammgast, der stark sehbehindert ist. Um ihm eine Freude zu machen, kam er auf die Idee, seine Speise- und Getränkeangebot in Blindenschrift übersetzen zu lassen.

Meines Erachtens braucht es keine gesetzliche Verpflichtung. Es genügt völlig, wenn alle Kollegen das so machen wie wir: Wenn ein Gast die Karten nicht lesen kann (egal ob blind, sehbehindert oder auch nur, weil er seine Lesebrille vergessen hat), wird sie ihm vorgelesen und er über unser Angebot mündlich beraten.

Die Kontrolle einer Vorschrift, Speisekarten in Blindenschrift bereit zu halten, wäre zudem aufwendig und im Détail strittig:
  • Muß nur ein Auszug aus einer ständigen Karte in Blindenschrift ausgedruckt werden oder müssen grundsätzlich alle Karten in Blindenschrift übersetzt werden?
  • Wie entgeht ein Kontrolleur, der selbst keine Blindenschrift kann, der Gefahr, daß man ihn verarscht und ihm ein x-beliebiges Druckwerk in Blindenschrift vorlegt?
Weitere Gaststätten mit Speisekarten für Behinderte:In Wien gab es 1999 bereits 19 Lokale, die eine Speisekarte in Blindenschrift anbieten. Der Verein Blickkontakt hat sie damals in einer Broschüre in Blindenschrift oder Großdruck bzw. auf Tonbandkassette zusammengestellt. Für mögliche Gastgeber gab es das Informationsblatt "Blinde und sehbehinderte Gäste. Ein Ratgeber für die Gastronomie".

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Kommentare:
Was für eine völlig unsinnige Idee. Über das Rauchverbot kann man meiner Meinung ja noch diskutieren, aber das hier geht eindeutig zu weit.

Ich gehe selbst oft essen und habe noch nie erlebt, dass ein Blinder dort gegessen hat geschweige denn jemand eine solche Karte verlangt hat.

Optimal finde ich die persönliche Beratung durch die Bedienung - sollte der Fall denn mal eintreten. Nicht anderes ergeht es ja beispielsweise englischsprachigen Gästen wenn es in einem Restaurant nur deutsche Karten gibt. Dennoch käme wohl niemand auf die Idee zweisprachige Karten zu verlangen nur um unsere ausländischen Gäste nicht zu benachteiligen. Oder gar dreisprachige in Grenzbereichen.

Solange der Gast bekommt was er wünscht ist doch alles in Ordnung. Ob blind oder nicht blind.
 
Diese Bürokraten in Brüssel sind die reinsten Schwachköpfe. Fällt denen in Zeiten horrender Energiepreise, Gammelfleisch, schmelzender Gletscher und so weiter nichts blöderes ein?

Wir haben ein Ehepar als Stammgäste die sehbehindert sind und wir machen genau dass was schon geschrieben wurde, wir lesen die Karte vor. Ich bin mir sicher, wenn ich denen eine Blindenkarte vorlege waren die das letzte mal bei mir im Haus.
 
das gibt der speisekartenindustrie bestimmt einen aufschwung, wenn das durchgesetzt wird. und ich müsste neue karten drucken :-)
 
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