Gastgewerbe Gedankensplitter



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Sonntag, August 03, 2008

Das Soleier-Verbot.

Harald Martenstein polemisiert im Berliner "Tagesspiegel" über ein vermeintliches Verbot von Soleiern in Berliner Kneipen ("Nach der Kippe ein Solei" vom 3. August 2008):
"Wem schadet es, wenn in einer Raucherkneipe Soleier angeboten werden? Was gehen den Staat solche Kinkerlitzchen überhaupt an? Gibt es keine dringenderen Probleme? Das Soleiverbot ist ein Symbol, dafür, dass perfektionistisch-kontrollfreakige Bürokratien einen Lebensbereich nach dem anderen unter ihre Fuchtel nehmen. Geht das mit den ständig sich vervielfältigenden, sinnlosen Vorschriften und Verboten ewig so weiter, oder ist irgendwann mal Schluss?"
Er will das Verbot ignorieren und seine eigenen Soleier in die Kneipe mitbringen.

Die Polemik gegen das vermeintliche Soleier-Verbot zielt auf die absurde Interpretation diverser Sesselfurzer und altbackener Kommentatoren des Gaststättengesetzes aus dem letzten Jahrtausend, die Soleier für "zubereitete Speisen" halten. "Zubereitete Speisen" dürfen aber nach dem Bundesverfassungsgerichtsurteil nicht mehr angeboten werden, wenn eine Einraumgaststätte, die weitere Kriterien zusätzlich erfüllt, das Rauchen erlauben will.

Sind Soleier "zubereitete Speisen"? Es kommt darauf an, ob sie
  1. an sich zubereitet werden
  2. in der Gaststätte, in der sie angeboten werden, zubereitet werden
Zweifelsfrei kann sich - aus der Sicht des Urteils des Bundesverfassungsgericht, ein Gast ein Solei mitbringen, gesetzt den Fall, der Gastronom läßt es zu, daß in seiner Gaststätte mitgebrachte Speisen verzehrt werden dürfen oder er dafür eine Entschädigung verlangt und erhält, also eine Art Soleier-Korkengeld.

Der Gast kann sich aber auch ein Solei liefern lassen, daß außerhalb der Gaststätte zubereitet worden ist. Die Räume, in denen es zubereitet wird, müssen zwar den Vorschriften der Lebensmittelhygiene-Verordnung entsprechen, aber das ist weniger ein Problem der Gaststätte, in die es geliefert wird, und des Gastes, der es sich liefern läßt, als ein Problem des Lieferanten. Ob und unter welchen Bedingungen ein Gastronom es zuläßt, daß ein fremder Lieferant ein Solei in seine Gaststätte liefern darf, ist eine andere Frage und läuft letztlich wieder auf eine Art Soleier-Korkengeld hinaus. In zahlreichen, wenn auch nicht mehr allen, bayerischen Biergärten ist es auch erlaubt, Speisen mitzubringen. In Neuseeland und Australien gibt es spezielle als BYO (Bring Your Own) bezeichnete Restaurants, in denen Gäste alkoholische Getränke mitbringen dürfen (vgl. das Glossar von Wein-Plus.de), weil es diesen Gastwirten untersagt ist, alkoholische Getränke auszuschenken. Die Australier bzw. Neuseeländer haben es also schon mal vorgemacht, wie man Sesselfurzer ausschmiert.

Der Gastronom kann seinen Gästen auch anbieten, Soleier auf Rechnung des Gastronomen liefern zu lassen, die er dann seinerseits dem Gast berechnet. Auch in dieser Konstellation werden die Soleier nicht in dieser Gaststätte zubereitet und die Gaststätte bleibt, wenn der Gastronom will, vom Rauchverbot verschont. Umsatzsteuerlich profitiert davon der Staat, weil für ein in die Gaststätte geliefertes Solei der ermäßigte Mehrwertsteuersatz berechnet werden muß. Bei einem Solei, die der Gastronom zum Verzehr an Ort und Stelle berechnet, wird der volle Mehrwersteuersatz fällig.

Nicht zuletzt stellt sich die Frage, ob der Prozess der Herstellung von Soleiern ein Prozess der Zubereitung im Sinne der Lebensmittelhygiene-Verordnung ist. Nach meiner Ansicht und ich weiß, daß mir einige Lebensmittelkontrolleure zustimmen werden, eher nicht. Der Prozess der Zubereitung von Soleiern ist unkritisch:
  • Zwar sind viele Hühnereier Salmonellen-verseucht. Der Prozess, sie hart zu kochen, macht aber allen Bösewichtern den Garaus.
  • Die anschließende Lagerung der hart gekochten Hühnereiern in einer Salzlake konserviert die Eier. Sie bleiben auch ohne Kühlung sehr lange haltbar. Es hat vermutlich in Berliner Kneipen, wo Soleier immer noch populär sind (ich habe es damit auch mal in Bamberg probiert und bin damit auf völliges Unverständnis gestoßen und mußte sie das ganze Glas Soleier selbst aufessen), kein Solei tausend Jahre rumgestanden. Und das ist selbst im Bürokraten-Sesselfurzer-Paradies China erlaubt.
Siehe dazu auch einen Kommentar von Mario Scheuermann, in dem er darauf hinweist, daß in den Wiener Heurigen bis zur Machtergreifung der Nazis die Versorgung der Gäste mit Speisen auch nicht in erster Linie vom Wirt besorgt worden ist, sondern von fliegenden Brotzeit-Tandlern: "Das Ende der Brotzeit", in: The Drink Tank vom 3. August 2008.

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