Gastgewerbe Gedankensplitter



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Montag, Januar 19, 2009

Kalorienangaben auf Speisekarten.

In seinem Artikel "Let them eat cake. But first, bark a calorie count into their ears till their heads ring with shame", in: The Guardian vom 19. Januar 2009 (danke für diesen Linktipp an Simon Hengel), macht sich Charlie Barker über den Plan lustig, unsere britischen Kollegen sollten Kalorien in den Speisekarten angeben. Er verweist auf Erfahrungen im Staate New York:
"A similar system in New York restaurants apparently reduced the average diner's intake by around 100 calories. A success, on the face of it, although the figures don't show how many of them went home and tucked into a bowl of Ben & Jerry's because they wanted dessert but also didn't want to be judged an indolent slob by the waiting staff."
Verantwortlich für den Unsinn zeichnet die Food Standards Agency. Siehe dazu deren Information "First steps in providing nutrition information for consumers eating out". Besonders absurd finde ich das Argument, vergleichbare Informationen finde man ja schon bei den Lebensmitteln, die in Supermärkten angeboten werden. Wenn mir Tim Smith, der Chef der FSA, zeigt, daß solche Angaben auch in der Natur vorkommen, können wir darüber reden. Aber solange etwa Gemüse auf den Feldern wächst, ohne Nährstoffangaben auszuspucken, kann er mir gestohlen bleiben.

Ich befürchte, der Unsinn, die Nährwertangaben ermitteln und auszeichnen zu müssen, ist nicht das Ende der Fahnenstange. In der zweiten Stufe werden die Gutmenschen-Politiker feststellen, daß die Gäste diese Information eigentlich nicht interessiert und sie deswegen ihr Essverhalten nicht ändern. Dann wird man von der Gastronomie verlangen, vor der Ausgabe einer Speise zu kontrollieren, ob der Gast das gewünschte Essen in der gewünschten Menge überhaupt noch essen darf. Sie wollen ein Schnitzel mit Pommes frites? Sie sind zu fett; sie bekommen allenfalls noch drei Blatt grünen Salats, aber ohne Dressing. Siehe dazu auch: "Totalitäre Gesundheitskontrolle".

Charlie Brooker empfiehlt den Gutmenschen sarkastisch, Lebensmittel generell zu verbannen:
"Actually, why not just ban food? Step one: make owning a kitchen illegal. Step two: replace all supermarkets and cafes with trucks that rove the streets three times a day dispensing bite-sized meal-pellets. Make sure the trucks are controlled by a computer, so they adjust their pace each time a crowd approaches, forcing them to break into a run and gain essential exercise."
Das Gespenst, in Speise- und Getränkekarten müßten auch die Nährwerte der angebotenen Speisen und Getränke angegeben werden, geistert schon länger durch die Köpfe von Gutmenschen-Politikern. Siehe etwa: "New York will Speisekarten zu Kalorienprangern machen", in: Spiegel vom 30. Oktober 2006.

So etwas können vielleicht Fast-Food-Ketten machen, die industriell erzeugte Zutaten oder küchenfertige Convenience-Produkte einsetzen oder verzehrfertige Convenience-Produkte ausgeben. Die müssen nur auf die Packungen der von ihnen eingekauften Produkte nachlesen. In der Individualgastronomie scheitert die Ermittlung des Nährwerts einer Portion schon an den schwankenden Portionsgrößen. Ganz davon abgesehen, daß es für einen Betrieb, der z.B. als Tagesgericht nur 20 Portionen überhaupt herstellt, unzumutbar ist, sich länger für die Arbeit hinzusetzen, um auszurechnen, wie viele Kalorien enthalten sind, als es Zeit braucht, das Zeug zu kochen. In Kalifornien wurde deshalb die Pflicht, Kalorien in Speisekarten anzugeben, auf Ketten mit mehr als 20 Filialen begrenzt. Siehe dazu: "Schwarzenegger zählt Kalorien", in: Focus vom 1. Oktober 2008.

Mit einem Beispiel aus einer verwandten Brosche möchte ich illustrieren, daß sich standardisierte Angaben und handwerkliche Produktion beißen: Kleine Brauereien verwenden über viele Jahre hinweg die gleichen Etiketten für saisonale Biere. Sie können es sich gar nicht leisten, jedes Jahr neue Etiketten drucken zu lassen. Also steht jahrelang der selbe Alkoholgehalt (eine Pflichtangabe) auf dem Etikett. Tatsächlich schwankt ganz natürlich der Alkoholgehalt von Jahr zu Jahr. Ein befreundeter Braumeister, mit dem ich mich neulich über dieses Thema unterhalten habe, hat spaßeshalber den Alkoholgehalt seines letztjährigen Bockes nachmessen lassen. Er kommt auf 8,8% vol. alc.; auf dem Etikett steht 7% vol. alc.

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