Gastgewerbe Gedankensplitter



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Samstag, März 28, 2009

Vom Zauber der Bude: LWL-Industriemuseum zeigt Trinkhallen im Revier.

Bochum (lwl). Die Bude ist ein lebendiges Stück Ruhrgebiet. Rund 18.000 der für das Revier so typischen kleinen Verkaufsstellen gibt es heute noch. Die Herner Fotografin Brigitte Kraemer hat im Auftrag des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) drei Jahre lang mit ihrer Kamera Kioske und Trinkhallen in den Focus genommen. Die Ergebnisse sind ab Sonntag, 29. März, in der Fotoausstellung "Die Bude" im LWL-Industriemuseums Zeche Hannover in Bochum zu sehen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Menschen in und an der Bude. Die Fotos von Brigitte Kraemer zeigen Kinder, die ihr Taschengeld an der Bude in Süßigkeiten umsetzen, Jugendliche, die den Kiosk als Treffpunkt nutzen, oder Frauen und Männern aus der Nachbarschaft, die an der Trinkhalle ihr Schwätzchen halten. Denn die Trinkhallen sind nicht nur Läden mit besonderen Öffnungszeiten für Gelegenheitseinkäufe, sondern haben im Alltag der Menschen auch eine wichtige Funktion als Kommunikationsort. Hier bietet sich oft die Gelegenheit, mit dem Verkäufer und anderen Kunden einen Plausch über das Wetter, Sport, Politik oder Ereignisse aus der Nachbarschaft zu halten. Dieser persönliche Kontakt macht den Reiz der Buden aus.

Die Fotos zeigen zahlreiche Facetten dieser sozialen Funktion: Die Besucher sehen stolze und nachdenkliche, glückliche und erwartungsfrohe, aber auch erschöpfte und vom Leben gezeichnete Menschen. Und sie blicken in die Hinterzimmer der Kioske, die oft Küche, Wohn- und Schlafzimmer zugleich sind. In manchen Trinkhallen scheint die Zeit still zu stehen und sich gegen alle modischen Neuerungen zu behaupten. Auch das macht den besonderen Charme der Buden aus.

Die Herner Fotografin Brigitte Kraemer hat sich über Jahre mit dem Phänomen "Bude" befasst - mit der oftmals eigenwilligen Architektur der kleinen Bauten, dem Warenangebot, und vor allem mit den Menschen in und an der Bude. Die Bilder der Fotoserie, die im Auftrag des LWL-Industriemuseums in den Jahren 2006 bis 2008 entstanden, sind gesellschaftskritische, sozial engagierte und humorvolle Studien des ganz gewöhnlichen Lebens.
"Ob Brigitte Kraemer Männer beim Feierabendbier zeigt oder einen Blick in die Räumlichkeiten hinter dem Budenfenster wirft: mit einprägsamer und genauer Beobachtung zeigen ihre Bilder das Besondere im Alltäglichen. Dabei verklärt die Fotografin das Leben an der Bude nicht zum Idyll, sondern zeigt auch Menschen, die vom Leben gezeichnet sind"
so Museumsleiter Dietmar Osses. Die Menschen in den Aufnahmen scheinen die Präsenz der Kamera zu vergessen. Die Bilder sind nah dran ohne aufdringlich zu sein.

Geschichte der Trinkhallen im Revier
"Seit den 1870er Jahren haben die Buden - ursprünglich als Trinkhallen und Seltersbuden für den Verkauf von industriell abgefülltem Mineralwasser gedacht- rasche Verbreitung im Revier gefunden"
erklärt Osses. Während sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oft als Existenssicherung für Kriegsversehrte und Bergmannswitwen dienten, erweiterten die Trinkhallen in den 1960er Jahren ihre Warenpalette und entwickelten sich zu kleinen Kaufläden mit persönlichem Service und besonderen Öffnungszeiten.

Mit dem Rückzug der Großindustrie aus dem Ruhrgebiet haben die ehemals an den Werkstoren gelegenen Kioske ihre Laufkundschaft verloren. Dietmar Osses:
"Die Trinkhallen in den Werkssiedlungen konnten sich jedoch oft behaupten: Nachdem viele traditionelle Lebensmittelgeschäfte zentralen Supermarktketten weichen mussten, füllten sie mit ihrem Angebot an Alltagsprodukten diese Versorgungslücke vor Ort aus."
Nach der Flexibilisierung der Ladenöffnungszeiten und Ausstattung von Tankstellen mit supermarktähnlichen Shops geraten die Buden jedoch zunehmend unter Konkurrenzdruck. Während die alt eingesessenen Kioske oft auf das besondere Einkaufserlebnis setzen, versuchen andere, mit innovativen Konzepten wie dem Angebot von internationalen Telefongelegenheiten und Internetterminals neue Kundenkreise zu erreichen. Heute wird ein wachsender Teil der Trinkhallen als Kleinstbetrieb von Zuwanderern betrieben, die mit dem Kiosk den Schritt in die unternehmerische Selbständigkeit wagen.

Brigitte Kraemer

Brigitte Kraemer wurde in Hamm geboren. Von 1976 bis 1982 studierte sie Fotografie und Grafik Design an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen bei Angela Neuke und Willy Fleckhaus und arbeitet seitdem als freischaffende Fotografin im Ruhrgebiet. Neben Auftragsarbeiten für die großen Magazine wie Stern, Spiegel und Zeit-Magazin wurde ihre Arbeit in zahlreichen Einzelausstellugen in Museen und Galerien gezeigt und vielfach ausgezeichnet.

Begleitband

Zur Ausstellung erscheint ein Bildband mit 150 Fotografien von Brigitte Kraemer sowie Texten zu Geschichte, Mythos und Realität der Trinkhallen von Frank Goosen, Dietmar Osses und Anne Overbeck.

Die Bude. Trinkhallen im Ruhrgebiet. Fotografien von Brigitte Kraemer. Hg. Dietmar Osses, LWL-Industriemuseum, Essen: Klartext-Verlag 2009.

Begleitprogramm

Das LWL-Industriemuseum Zeche Hannover bietet während der Laufzeit der Ausstellung ein reichhaltiges Begleitprogramm an.

Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit 13.000 Beschäftigten für die 8,5 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 19 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, den ein Parlament mit 100 Mitgliedern aus den Kommunen kontrolliert.

(Quelle: Pressemitteilung des LWL-Heimatmuseums).

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