Donnerstag, Mai 29, 2003

In den nächsten Wochen wird die Diskussion um die Reform der Handwerksordnung hochkochen. Von den Verfechtern dieser Regulierung wird dabei so getan als handele es sich bei der Handwerksordnung um eine jahrhundertealte Tradition, die man genauso bewundern und erhalten müsse wie den Bamberger Dom. Was früher die Zünfte gewesen wären, seien heute Kammern und Innungen.

Die preussische Handwerksordnung hatte jedoch nicht den Schutz des Handwerks im Sinn, sondern - merkantilistisch motiviert - die Einschränkung der Freiheit der Zünfte durch Staatsaufsicht, Kontrolle der Wanderung der Gesellen und ihrer Abwanderung ins Ausland (siehe "Preussen 1701 bis 1947"). 1869 wurde in dem damals von Preußen besetzten Norddeutschen Bund die völlige Gewerbefreiheit eingeführt, welche nach der Reichsgründung 1871 auf ganz Deutschland ausgedehnt wurde. Erst 1897 gelang es den Anhängern regulierter Wirtschaft ein neues Handwerksgesetz durchzusetzen, das aber den "Großen Befähigungsnachweis" nicht vorsah, sondern ab 1908 nur einen sogenannten "kleinen Befähigungsnachweis". Der von den Nationalsozialisten zur Auschaltung von Juden ersonnene "Große Befähigungsnachweis" wurde erst 1935 eingeführt. Er legte fest, daß jeder selbständig im Handwerk Tätige die Meisterprüfung in seinem Beruf abzulegen hatte. (siehe dazu: "Handwerksordnung und Großer Befähigungsnachweis – die historische Wahrheit" (DOC), von Thomas und Stefan Felleckner). Diese Handwerksordnung von 1935 wurde nach der Befreiung von der amerikanischen Besatzungsmacht kurzerhand dorthin befördert, wo sie gehört: in den Papierkorb. Erst 1953 gelang wettbewerbsfeindlichen Abgeordneten um den CSU-Abgeordneten Richard Stücklen die Restauration. Siehe dazu "Der Weg zu einer einheitlichen Handwerksordnung".

Ganz anders die Entwicklung in der Schweiz. Bis ins 19. Jahrhundert hatten sich auch dort die Überbleibsel mittelalterlichen Vorschriften gehalten. Während es in Deutschland dem Handwerk gelang, sich wieder verstärkt durch bürokratische Regelungen vor leistungsfähiger Konkurrenz zu schützen, blieb das Handwerk in der Schweiz dereguliert. Siehe "Gewerbefreiheit contra Gewerbeordnung im 19. und 20. Jahrhundert", in: Historisches Lexikon der Schweiz.

Argumente gegen den Meisterzwang finden sich auf der Website des Berufsverbandes unabhängiger Handwerkerinnen und Handwerker e.V..

Vor diesem Hintergrund wirkt es peinlich, wenn ausgerechnet der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband in seiner Wahlkampf-Checkliste 2002 (PDF) einen "Unterrichtungsnachweis" fordert, um in die Branche eintreten zu dürfen.