Montag, Oktober 27, 2003

Qualitetsjournalismus à la Spiegel.

Vor dem Hintergrund eines Streitgesprächs, das Martin Röll auf der Frankfurter Buchmesse mit Ute Miszewski, Leiterin der Unternehmenskommunikation der Spiegel-Gruppe, geführt hat ("Weblogs sind keine Gefahr für den Journalismus"), habe ich heute amüsiert einen Beitrag im aktuellen "Spiegel" gelesen.

Der Beitrag mit dem (wahrheitswidrigen) Titel "Alle Familien werden belastet" verbirgt sich nicht schüchtern auf irgendeiner hinteren Seite, sondern wird hervorgeben und umrahmt auf einer der ersten Seiten präsentiert. Es geht um die Einkommenswirkung der Kopfpauschale, welche die Herzog-Kommission zur Reform der Krankenversicherung vorschlägt. Der Beitrag zitiert ein internes Papier der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, welches auf Berechnungen des CDU-Bundestagsabgeordneten Diplom-Volkswirt Andreas Storm basiere, dem sozialpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Um die angebliche Mehrbelastung von Familien im Herzog-Modell zu belegen, wird darin, für den fiktiven Fall einer Familie mit einem Lohneinkommen von 1.000 Euro im Monat, der Arbeitnehmerzuschuss zur Krankenvesicherung von heute 72 Euro (unterstellt wird ein Krankenversicherungsbeitrag von 14,4%) verglichen mit der Belastungsgrenze nach dem Herzog-Modell in Höhe von 15% (= 150 Euro). Daß es auch im Herzog-Modell einen Arbeitgeberzuschuß zur Krankenversicherung gibt (im konkreten Fall in Höhe von 72 Euro, also der Hälfte des Beitrags) wird im Spiegel-Beitrag verschwiegen. Die verbleibende Differenz zwischen 144 Euro (dem Beitrag im heutigen System) und 150 Euro (der Belastungsgrenze im Herzog-Modell) ist keinem systematischen Unterschied zwischen den Systemen geschuldet, sondern ergibt sich nur, weil die Herzog-Kommission von einem fiktiven Krankenkassenbeitrag von 15% ausgeht und Storm einen Beitrag von 14,4% unterstellt. Hätte er eine Kasse mit einem Beitragssatz von z.B. 15,8% angenommen, ergäbe sich sogar eine Entlastung in Höhe von 8 Euro.

Da das Papier mit dem Zahlenwerk von Andreas Storm nicht online ist (zumindest habe ich es nicht gefunden), kann ich natürlich nicht beurteilen, ob darin Äpfel mit Birnen verglichen worden sind oder jemand vom Spiegel den Inhalt falsch wiedergegeben hat. Da Andreas Storm Mitglied der Kommission "Soziale Sicherheit" zur Reform der sozialen Sicherungssysteme unter dem Vorsitz von Bundespräsident a.D. Prof.Dr. Roman Herzog gewesen ist, sollte ihm ein solcher Fauxpas eigentlich nicht passieren. Es sei denn, er möchte wider besseres Wissen Partei gegen das Herzog-Modell ergreifen, um sein eigenes Konzept vom Februar 2003 durchzusetzen. In einem Interview des Deutschlandradios vom 7. Oktober 2003 hat er sich aber klar für die Kopfpauschale ausgesprochen.