Donnerstag, November 13, 2003

Die hohe Kunst der Trockenbeerenauslese.

Markus Molitor, ambitionierter Winzer-Aufsteiger aus Bernkastel-Wehlen an der Mosel, erntete in diesem Ausnahmeweinjahr eine Riesling Trockenbeerenauslese mit einem sensationellen Mostgewicht von 331° Oechsle und brach damit die Mostgewichts-Rekorde aller Zeiten. Diese Jahrhundert-Ernte wurde in mehreren Durchgängen in den Steillagen Graacher Domprobst und Zeltinger Sonnenuhr gelesen. Clemens Busch aus Pünderich an der Mosel folgt ihm dicht auf den Fuß mit einer Riesling Trockenbeerenauslese von 329 Grad Oechsle. Viele namhafte Weingüter aus fast allen Anbaugebieten schließen sich in der Hitliste der Weinsuperlative an.

Trockenbeerenauslesen stehen an der Spitze der lieblichen Qualitätspyramide deutscher Weine. Die honigsüße Spezialität zeichnet sich durch eine enorme Alterungsfähigkeit aus. Sie wird aus rosinenartig, eingeschrumpften Beeren gekeltert, die ihre spezielle Edelfäule dem Botrytispilz verdanken. Unter bestimmten klimatischen Verhältnissen befällt er die Trauben und macht die Beerenhaut porös. Durch die feinen Poren verdunstet das Wasser nach und nach aus den Beeren und die Sonne lässt sie zu köstlich süßen Früchtchen schrumpfen, in denen der Zucker und die Extraktstoffe hoch konzentriert sind. Je nach Anbaugebiet muss ein Most zwischen 150 und 154° Oechsle aufweisen. In diesem Jahr haben die Spitzenweine doppelt so viel.

Nicht jedes Jahr beschert Petrus den Winzern und den Genießern derartige Ausnahmeweine, deren Ernte einen enormen Aufwand erfordert. Die eingetrockneten Beeren werden von erfahrenen Erntehelfern – wie der Name schon sagt – von Hand aus den Trauben ausgelesen. Dabei gehen die Leser durch den Weinberg und wählen am Stock die süßesten, rosinenartigen Beeren der Trauben aus, oder aber die Trauben werden auf langen Tischen ausgebreitet und erst dort handverlesen. Die Erntehelfer brauchen schon eine gewisse Erfahrung, um die geeigneten Beeren zu erkennen. Der Rest der Trauben ergibt in der Regel immer noch Weine von köstlichen Auslesequalitäten.

Eine besondere Rarität vermeldete in diesem Jahr das badische Weingut Schloss Ortenberg: Dort wurde eine Spätburgunder Rotwein-Trockenbeerenauslese von 200° Oechsle geerntet. Während bei den Weißweinen durch die Edelfäule in guten Jahren derartige Mostgewichte des öfteren erzielt werden, so ist dies bei Rotwein, bei dem nur durchgefärbte Beeren verwendet werden können, ungeheuer selten, oder wie das Weingut selbst schreibt: "absolut einmalig".

Um diese außerordentliche Spätburgunder-Ernte einzubringen waren 30 Erntehelfer zwei Tage im Einsatz. Von etwa einem Hektar erreichten sie durch Herauszupfen der Einzelbeeren ein Ernteergebnis von 150 Litern. „Über die Lagerfähigkeit und den Preis eines solchen Ausnahmeweins kann man nur spekulieren“, kommentiert Geschäftsführer Köninger seine Spitzenlese.

Wie kostbar solche Trockenbeerenauslesen sein können, zeigen beispielsweise die Versteigerungsergebnisse des Bernkasteler Ring. Das Weingut Markus Molitor erzielte im September dieses Jahres mit einer 2000er Riesling Trockenbeerenauslese aus der Lage Zeltinger Sonnenuhr einen Preis von € 2320,- pro Flasche und brach damit den Rekord in der über 100jähren Versteigerungsgeschichte.

Eine Hitliste aller bisherigen Oechsle-Rekorde wird übrigens von Mario Scheuermann geführt, die unter www.weinreporter.de einsehbar ist. (Quelle: Pressemitteilung des Deutschen Weininstituts).