Donnerstag, November 20, 2003

Modernisierung des Wiener Kaffehauses Demel umstritten.

Am 1. Januar 2002 hatte das auch international erfolgreiche Catering-Unternehmen Do & Co von Attila Dogudan die traditionsreiche Wiener K.u.K Hofzuckerbäckerei Demel übernommen (siehe dazu eine Pressemitteilung von Do & Co vom Januar 2002).

Jetzt wendet sich die Betriebsratsvorsitzende Herta Schleiffer bzw. die Gewerkschaft Agrar, Nahrung und Genuß in Form eines offenen Briefes an die Öffentlichkeit. (via K.u.K. Hofberichterstatterin Karina Matejcek aus Wien).

Unter der Überschrift "Wiener Tradition lässt grüßen - zum Abschied?" wird beklagt, der neue Besitzer gehe an die Substanz der Tradition des Hauses. Der erste Salon, der seit über 100 Jahren für den Servicebereich genutzt worden sei, in dem die hohe Gesellschaft vergangener Epochen ihren Platz gefunden habe, wo Künstler und Schriftsteller gesessen seien, dessen Schönheit und Beliebtheit bis in die heutige Zeit gerettet worden sei, habe seine Bestimmung verloren. Er solle ab Dezember 2003 als Verkaufsraum dienen. Der traditionelle Verkaufsraum mit seinen prunkvollen Büffets, der die Gäste immer wieder in großes Staunen und Verzücken versetze, werde einer italienischen Kaffeebar weichen müssen.

Es wird die Frage erhoben, ob die "Demelinerinnen", die teilweise schon jahrzehntelang im Demel beschäftigt sind, an Alter und Fülle zugenommen, noch Gültigkeit haben werden, ob die ganz in schwarz, mit weißem Kragen, gehaltene Demeltracht, die sich von jeder anderen Berufskleidung abhebe, oder die Demelsprache ("Haben schon gewählt") zu einer Kaffeebar passen werde oder ob die "Demelinerinnnen" in Zukunft von jungen, zum Großteil geringfügig beschäftigten, sozial schlecht abgesicherten "Do & Co Mädchen" abgelöst würden? Weiter wird die Frage in die Öffentlichkeit geworfen, ob "der Demel" wirtschaftlich nur zu führen sei, wenn man ihn modernisiere? Es sei schade; würde der Demel zwar dem Namen nach existieren, seine Identität im Hause aber gänzlich verloren gehen.

In diesem Zusammenhang möchte ich anfügen, daß es schon seit einigen Jahren Bestrebungen gibt, traditionsreiche Betriebe zu erhalten. Mittelfristig zielen diese Bestrebungen darauf ab, so mein Eindruck, wirtschaftlich nicht überlebensfähige Betriebe (wegen des hohen Aufwands an Denkmalschutz, aber auch überkommener Konzepte) als "lebende Museen" und um ihrer hohen Bedeutung als weicher Standortfaktor nicht nur für den Tourismus zu erhalten:
  • Der Verband der Europäischen Traditionscafes (Associazione Europa di Café Storici) mit Sitz in Triest wurde im Herbst 2000 gegründet. Die Mehrheit der 30 Mitglieder sind Betriebe aus Österreich, dazu zählen das Antico Café Greco (Rom) das Café Tomaselli (Salzburg), das Café Musil (Klagenfurt), die Cafés Prückel, Weingartner, Schottenring, Diglas, Dreier und Hawelka (alle Wien), Gerbaud (Budapest), Orient Express (Zagreb) sowie San Marco und Tommaseo (Triest). Das Logo des Verbandes stellt ein ein typisches Kaffeehaus-Tischchen mit Marmorplatte, dampfender Kaffeetasse, Zeitung und beigestelltem Thonet-Sessel dar.
  • Die "Europäischen Union der historischen Lokale" mit gut 140 Betrieben hat sich aus einer Initiative der seit fast drei Jahrzehnten bestehenden Schutzgemeinschaft "Locali Storici d'Italia" ("Historische Lokale Italiens") entwickelt. Mitgliedsbetriebe wie "Pedrocchi " in Padua, "El Quatre Gats " in Barcelona, "Les Deux Magots" in Paris, "Ye Olde Chesire Chees" in London, die Cafés Weimar, Hawelka, Dreier, Schottenring, Prückel und Weingartner in Wien und der Kronenhof in Pontresina müssen mindestens siebzig Jahre alt sein und einen historischen Ruf und Bekanntheitsgrad erreicht haben.
Links zu den Mitgliedsbetrieben finden Sie in unserem Artikel über "Historische Gaststätten und Gasthäuser".