Sonntag, Januar 18, 2004

Reichsarbeitsdienst II.

Die Nazis führten 1935 einen sechsmonatigen Reichsarbeitsdienst ein. Das reicht Politikern der SPD und CDU nicht, sie fordern einen einjährigen Arbeitsdienst, sprachlich versüßt als "soziales Pflichtjahr": "SPD- und CDU-Politiker wollen soziales Pflichtjahr", in: ZDF Heute vom 18. Januar 2004.

Der Arbeitsdienst und das Leben im Arbeitslager mit militärischer Ausbildung waren "nationalsozialistische Erziehungsarbeit", die im Sinne der Volksgemeinschaft Standesunterschiede beseitigen und die Gesinnung fördern sollten. Oder in salbungsvollen Worten des SPD-Popbeauftragten Sigmar Gabriel: "Während eines sozialen Pflichtjahrs kann viel gelernt werden: der menschliche Umgang mit Hilfsbedüftigen, der Wert des eigenen Engagements, auch die Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod.", die denen von Wolfgang Bömer, dem CDU-Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt nicht nachstehen: Ein soziales Jahr sei "ein Instrument zur gerechten Belastung innerhalb der Generationen" und helfe, "Probleme des Lebens aus einer anderen Sicht kennen zu lernen".

Die Rhetorik ist bemerkenswert. Statt zuzugeben, daß man im Gesundheits- und Pflegesystem Personalkosten einsparen will, werden dem "Reichsarbeitsdienst II" pädagogische Ziele untergeschoben und ansonsten darauf vertraut, daß man den eigenen Söhnen und Töchter Atteste kaufen können wird, die sie vom "Reichsarbeitsdienst II" befreien. Oder kennen Sie einen Politiker, der seine Kinder so erzogen hat, daß sie freiwillig ein soziales Jahr machen?

Für das deutsche Gastgewerbe hätte ein solcher "Reicharbeitsdienst II" in zweierlei Hinsicht negative Auswirkungen:
  • Ein ganzer Jahrgang, aus dem sich viele Helfer in Küche und Service rekrutieren, fiele aus.
  • Die paar Mark, die den im "Reichsarbeitsdienst II" Zwangsverpflichteten als Sold gezahlt werden, erschweren ihnen den Konsum gastronomischer Dienstleistungen, gerade in einem Alter, in dem man überdurchschnittlich häufig ausgeht.