Samstag, Juli 03, 2004

Fuer Essen wird in Deutschland immer weniger Geld ausgegeben.

Deutsche KonsumentInnen sind knauseriger geworden, wenn es um das Essen geht. Während sich die Gesamtausgaben für privaten Konsum von 1962/63 bis zum Jahr 2000 verdoppelt haben, gaben sie im Jahr 2000 davon durchschnittlich nur noch 16 Prozent für Lebensmittel und Essen außer Haus aus, halb soviel wie 1962/63. Das haben WissenschaftlerInnen aus dem Forschungsverbund "Ernährungswende" analysiert und die Ergebnisse im jetzt veröffentlichten Diskussionspapier "Lebenszykluskosten für Ernährung" dokumentiert. "Im Zusammenhang mit dem immer größer werdenden Preisdruck entlang der Lebensmittelkette könnte man diese Entwicklung als immer geringere ökonomische Wertschätzung für Ernährung interpretieren," sagt Dr. Ulrike Eberle vom Öko-Institut e.V. und Projektleiterin des Forschungsverbunds "Ernährungswende". Eine Vermarktung von qualitativ hochwertigen, umweltverträglich produzierten und risikoarmen Nahrungsmitteln wird dadurch nicht leichter, denn Qualität hat ihren Preis.

6341 Euro haben deutsche KonsumentInnen im Jahr 2000 im Schnitt pro durchschnittlichem Haushalt in ernährungsrelevante Produkte investiert, rund ein Drittel davon in Küche und Kücheneinrichtung, Küchenhaushaltsgeräte und Geschirr. Rund zwei Drittel davon, nämlich 4227 Euro, gaben sie für Lebensmittel und Außer-Haus-Verzehr aus. In absoluten Zahlen hat sich gegenüber 1962/63 daran kaum etwas geändert, damals waren es umgerechnet 4161 Euro, jedoch lagen die Ausgaben für privaten Konsum damals bei etwa der Hälfte der heutigen Ausgaben.

Trifft die Einschätzung der Ökotrophologin Eberle zu, werden die Bedingungen für eine dringend erforderliche Ernährungswende durch diese Entwicklung nicht leichter. Dass sich das Ernährungsverhalten aber ändern muss, darüber sind sich Fachleute einig. Denn die Zahl der ernährungsmitbedingten Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Beschwerden, Diabetes oder Fettleibigkeit, die rund 70 Prozent der Kosten im Gesundheitswesen verursachen, steigt stetig und in Deutschland ist mittlerweile jedes sechste Kind zu dick. Auch Verbraucherministerin Renate Künast hat unlängst Alarm geschlagen und fordert in einer Regierungserklärung vom 17. Juni "eine neue Ernährungsbewegung für Deutschland".

In diesem Zusammenhang betrachtet das Forschungsvorhaben "Ernährungswende" im Diskussionspapier "Lebenszykluskosten für Ernährung" die ökonomische Seite von Ernährung. Mithilfe der Lebenszykluskostenmethode werden die Ausgaben der KonsumentInnen für Ernährung analysiert. Dabei werden auch mittelbare Kosten etwa für Haushaltsgeräte, Strom oder genutzte Wohnfläche berücksichtigt.

Mit Lebenszykluskostenrechnungen kann aufgedeckt werden, welches in privaten Haushalten die kostentreibenden Faktoren sind. Ein wichtiger Ansatzpunkt, um Strategien für eine aus Sicht der KonsumentInnen auch ökonomisch nachhaltige Ernährung zu entwickeln. Kosten im privaten Haushalt können vor allem in der Nutzungsphase von Haushaltsgroßgeräten wie Kühlschrank, Gefriertruhe, Spülmaschine oder Herd gespart werden. Wird beim Kauf auf energie- und wassersparende Geräte geachtet, zahlt sich das bei der Nutzung der Geräte sowohl für den eigenen Geldbeutel als auch für die Umwelt aus.

"Ernährungswende" ist ein Gemeinschaftsprojekt des Forschungsverbundes Ökoforum unter der Leitung des Öko-Instituts e.V., an dem das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE), das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), das KATALYSE-Institut für angewandte Umweltforschung und das Österreichische Ökologie Institut für angewandte Umweltforschung beteiligt sind. Das Forschungsvorhaben wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Förderschwerpunkt "Sozial-ökologische Forschung" gefördert. Das Projekt läuft über den Zeitraum 2002 bis 2005.(Quelle: Pressemitteilung des Öko-Instituts).

Anmerkung: Die Wissenschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat sich in ihrer letzten Ausgabe vom 27. Juni 2004 äußerst kritisch und meines Erachtens überzeugend mit der Frage auseinandergesetzt, ob die grundlegende Hypothese von "dicken Kindern" stimme und sie verneint: "Eine Katastrophe weniger". Zitat: "Die Politiker malen den dicken Teufel an die Wand: Deutschlands Nachwuchs ist zu fett. Aber diese Fettleibigkeits-Epidemie bei Kindern in Deutschland gibt es nicht."