Sonntag, August 29, 2004

NGG wiederholt Forderung nach Mindestlohn.

Seine altbekannte Forderung nach einem branchenübergreifenden Mindestlohn von 1.500 Euro hat der Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung, Genuß und Gaststätten Franz-Josef Möllenberg wiederholt: "Streit um Mindestlohn spaltet das Arbeitnehmerlager", in: Die Welt am Sonntag vom 29. August 2004.

Eigentlich ist zum Thema Mindestlohn bereits alles gesagt. Daß ausgerechnet die schwächste Gewerkschaft mit einem Organisationsgrad, der den Wahlprognosen für die SPD in Sachsen ähnelt, derart die Fresse aufreißt, ist schon verwunderlich.

Betriebswirtschaftlich spricht aus der Hinwendung zu gesetzlichen Regelungen und der Ausrichtung auf kleine und mittlere Unternehmen eher die schiere Verzweiflung. Die "Dienstleister" unter den Gewerkschaftsfunktionären setzen auf technokratische Modernität: Eine Ausgeburt von Sekretärsmentalität, die hofft, auch künftig gebraucht zu werden, wohl wissend, daß es bessere Rechtsberater gibt als ehemalige Jugendsekretäre, daß die Flucht in Abgeordnetenmandate nur für wenige eine realistische Chance darstellt und angestrebte Ersatzjobs in der öffentlichen Verwaltung von Personaleinsparungen und in öffentlichen Unternehmungen durch Privatisierungen bedroht sind:
  • Die Kosten der externen Betreuung von Mitgliedern sind hoch, da es in kleinen und mittleren Unternehmen nur wenige Betriebsräte gibt und diese in den seltensten Fällen freigestellt sind.
  • Die Kosten der Betreuung von neuen, ungeschulten, nicht freigestellten Betriebsräten durch externe Funktionäre sind hoch. Ob Arbeitsgerichte akzeptieren werden, daß kleine Unternehmen verhältnismäßig hohe Beträge für externe Schulungen, Beratungen erstatten müssen, bleibt abzuwarten.
  • Neue Mitglieder können nur mit erheblichem Aufwand gewonnen werden, weniger durch eine direkte, persönliche Ansprache als über die Massenmedien oder -mailings. Erstaunlicherweise haben sich die Gewerkschaften darüber selbst noch keine Gedanken gemacht, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Die Erfahrungen mit der Bank für Gemeinwirtschaft, der Neuen Heimat, der Coop, Büchergilde Gutenberg und der Volksfürsorge sprechen dafür, daß Gewerkschaften nicht in der Lage sind, Organisationen zu steuern, bei denen es darauf ankommt, eine große Anzahl von Transaktionen kostengünstig abzuwickeln.
  • Weniger als 5 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder sind unter 25 Jahren alt. Der typische NGG-Gewerkschaftsfunktionär ist über 50 und freut sich auf den Ruhestand. Er hat die Volksschule besucht, faßt keinen PC an und denkt bei "Hamburger" an St. Pauli, als gelerntem Metzger klebt ihm noch das Blut an den Händen und den Kontakt zu Ausländern vermeidet er am liebsten auch während seines jährlichen Spanien-Pauschalurlaubs. Wie soll er junge Menschen, vielfach Schüler und Studenten oder gar Ausländer, gewinnen und betreuen? Und junge Gewerkschaftssekretäre kann die NGG nicht einstellen in Zeiten, in denen die sinkenden Beitragseinnahmen erzwingen, Funktionäre abzubauen.
  • Neue Mitglieder werden in den Unternehmen isoliert sein und unter Druck geraten. Sie entstammen zudem in der Regel einem Milieu, für das es alles andere als selbstverständlich ist, Gewerkschaftsmitglied zu werden.
  • Die durchschnittlichen Jahresbeiträge von Teilzeitbeschäftigten sind gering. Der Monatsbeitrag bei einem 400 Euro-Job deckt nicht einmal die variablen Verwaltungskosten der NGG. Aus diesem Grund weigern sich Gewerkschaften, Arbeitslose als Mitglieder aufzunehmen und geraten durch den steigenden Anteil von Rentnern mit verringerten Beiträgen unter zusätzlichen Druck.
  • Die Fluktuation in gastronomischen Unternehmen liegt bei rund 60% pro Jahr. Zudem scheiden vergleichsweise viele Mitarbeiter aus der Branche aus oder (vorübergehend) aus dem Erwerbsleben oder verlassen Deutschland.
  • Der Ausländeranteil ist hoch, woraus sich zusätzliche, erhebliche Kosten fremdsprachlicher Betreuung ergeben.
  • Ein besonderes Kostenrisiko erwächst den Gewerkschaften aus vermehrten Arbeitsprozessen: Kleinunternehmer sind nicht nur rechthaberischer als angestellte Manager, ihnen mangelt es oft auch an arbeitsrechtlichem Sachverstand und an einer unternehmensinternen Beratung durch eine Personalabteilung. Die Hoffnung der NGG, die Zahl der Arbeitsprozesse werde sich durch mehr Betriebsräte verringern, trügt.
  • Kandidaten für Betriebsräte in Unternehmen, die noch keinen Betriebsrat haben, müssen auf Kosten der Gewerkschaften geschult werden, ohne daß die Kosten auf das Unternehmen abgewälzt werden können (vergleiche das von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Kleinbetriebsprojekt der IG Bau).
Anders ausgedrückt: Gewerkschaftsmitglieder in Kleinunternehmen zeichnen sich aus durch einen kleinen Customer Life Time Value, hohe Kosten der Acquisition und eine niedrige Wiederkaufrate. Erstaunlicherweise haben die Gewerkschaften noch nicht gemerkt, daß bei kleinen und mittleren Unternehmen der Gastronomie der durchschnittliche Mitgliedsbeitrag die Kosten der personalintensiven, persönlichen Betreuung nicht deckt, so daß ihre Verluste um so höher werden, je mehr Mitglieder sie gewinnen. Zumindest dies haben sie mit der New Economy gemein.