Samstag, April 02, 2005

Reader Scan.

Kennen Sie die Handelsblatt-Werbung, in der ein Leser alle Texte einer Seite markiert, um zu demonstrieren, daß das Handelsblatt keine überflüssigen Informationen enthält? Daran fühle ich mich erinnert bei der "Reader Scan"-Untersuchungsmethode, mit der Zeitungsverlage herausfinden wollen, was Leser wirklich interessiert.

Üblicherweise führt man Leserbefragungen per Interview oder Fragebogen durch. Doch die Ergebnisse sind zu wenig detailliert, von Erinnerungslücken der befragten Leser getrübt, geben das tatsächliche Nutzerverhalten nicht wieder und erreichen die Redaktion viel zu spät. Die Verleger wollen wissen, welche Inhalte gelesen werden und welche nicht? Wird nur die Überschrift gelesen, der Vorspann oder der ganzen Artikel? Oder schaut man sich nur das Bild an.

Bei der "Reader Scan"-Methode, die von Dr. Carlo Imboden entwickelt worden ist, erhält eine Gruppe von Lesern die Aufgabe, das was sie lesen, mit elektronischen Lesestiften zu markieren. Der Stift speichert die angestrichene Textzeile, die etwa den letzten gelesenen Satz eines Artikels markieren soll, und sendet diese Information an eine Datenbank. Unter den Tageszeitungen, die diese Methode eingesetzt haben bzw. einsetzen werden, ist auch der "Fränkische Tag" in Bamberg. Lesen Sie selbst, was er darüber seinen Lesern schreibt: "Was wird im FT gern gelesen?" vom 2. April 2004.

Lesen Sie dazu ein Interview mit Dr. Imboden: "Entzauberte Mythen", in: Bundeszentrale für politische Bildung vom April 2003. In diesem Interview widerlegt er einige Mythen des Lokaljournalismus:
"Der überregionale Teil wird nach wie vor intensiver genutzt als der Lokalteil. Ich glaube auch, viele Chefredakteure wären erstaunt zu erfahren, wie wenig eigentlich der Sport, auch von den Sportinteressierten, genutzt wird...

Die breite Leserschaft einer Regionalzeitung nimmt wissenschaftliche Inhalte auf ? wahrscheinlich wie sonst in keinem anderen Medium: Das Fernsehen kann das nicht vermitteln, und die Fachzeitschriften sind vielen Leuten wieder zu spezifisch...

Wenn ich eine Jugendseite mache, schreckt das die Leute eher ab. Mit einer Gettoisierung ist es auf keinen Fall getan. Andererseits: Wenn ich beispielsweise den Kulturteil einer Tageszeitung nehme, dann liegt das meist meilenweit neben dem, was Jugendliche unter Kultur verstehen."
Was mich besonders erstaunt hat, ist seine Aussage, daß weder die Rekrutierung der Teilnehmer, noch die die Ausstiegshäufigkeit ein Problem sei. Am Ende hätten sich die Teilnehmer zum Teil beschwert und gefragt, warum sie nicht weitermachen dürften.

Übrigens: Nach der gestalterischen und inhaltlichen Blattoptimierung der Würzburger Mainpost stieg die Lesequote der gesamten Zeitung um 20%.(Quelle: News des PR Kolleg Berlin).

Haben Sie schon einmal Ihre Gäste beobachtet, wie Sie Ihre Speisekarten lesen?