Samstag, September 24, 2005

Der Schnitt.

Einer meiner Tips, die Gästebindung zu erhöhen, ist, man sollte dem Gast Rituale bieten, also informelle Verhaltensweisen und Abläufe, deren Kenntnis ihn zum Insider machen und die er als Insider-Wissen weitererzählen kann.

So hat vor ein paar Jahren die Brauereigaststäte "Schlenkerla" in Bamberg einen Volkszorn entfacht, als der "Schnitt" abgeschafft worden ist. Der "Schnitt" ist ein gut halb voll gefülltes Seidla (0,5 l) Glas Bier (halb voll mit Bier und Schaum bis zum Anschlag), den man zum halben Preis eines ganzen Seidlas bekommt. Die Regeln sind:
  1. Um einen Schnitt bestellen zu dürfen, muß man vorher mindestens ein ganzes Seidla bestellt haben.
  2. Es gibt nur einen Schnitt.
Als es den "Schnitt" im "Schlenkerla" noch gegeben hat, habe ich einmal leicht fahrlässig nach dem ersten Schnitt gewagt, einen zweiten Schnitt zu bestellen, und bin fürchterlich "zur Sau" gemacht wroden. Zu recht, wenn man gegen die Regeln verstößt! In unserem Café Abseits gibt es natürlich weiterhin bei allen Faßbieren einen "Schnitt".

John Conen aus London, aktives Mitglied der britischen Campaign for Real Ale, hat in seinem Buch "Bamberg and Franconia: Germany's Brewing Heartland. A guide to beers, breweries and pubs", mit dem er Touristen aus dem englischsprachigen Ausland fränkische Brauereien, Pubs und Kneipenkultur nahe bringen will, in einem eigenen Kapitel eine ganze Reihe weiterer informeller Regeln zusammengestellt, die in fränkischen Brauereigaststätten und Bierkneipen gelten. Wissen Sie z.B., was es bedeutet, wenn man seinen Bierkrug mit der Öffnung zur Seite so auf den Tisch legt?

Dies ist auch ein pragmatischer Beitrag zur Diskussion der Frage, was virales Marketing ist und - wichtiger noch - wie man Mundpropaganda anzetteln kann: "Virales Marketing auf dem Vormarsch" von Thomas Zorbach.