Freitag, Juli 28, 2006

Trinkrituale.

In meinem Artikel über "Kunden- bzw. Gästezufriedenheit in der Gastronomie" schreibe ich
"Man sollte den Kunden Rituale bieten, also Verhaltensweisen und Abläufe, deren Kenntnis ihn zum Insider machen. So hat vor ein paar Jahren die Brauereigaststäte "Schlenkerla" in Bamberg einen Volkszorn entfacht, als der "Schnitt" abgeschafft worden ist. Der "Schnitt" ist ein gut halb voll gefülltes Seidla (0,5 l) Glas Bier (halb voll mit Bier und Schaum bis zum Anschlag), den man zum halben Preis eines ganzen Seidla bekommt. Die Regeln sind: 1. Um einen Schnitt bestellen zu dürfen, muß man vorher mindestens ein ganzes Seidla bestellt haben. 2. Es gibt nur einen Schnitt. Als es den "Schnitt" im "Schlenkerla" noch gegeben hat, habe ich einmal leicht fahrlässig nach dem ersten Schnitt gewagt einen zweiten Schnitt zu bestellen und bin fürchterlich "zur Sau" gemacht wroden. Zurecht, wenn man gegen die Regeln verstößt! Ein anderes Ritual in fränkischen Bierkellern und bayerischen Biergärten ist es, daß man seine Brotzeit mitbringen darf, auch wenn es in vielen Bierkellern mittlerweile auch ein reichhaltiges Angebot an kalten und warmen Speisen gibt. Die Kenntnis solcher Regeln, die man z.B. "Preußen" gegenüber erläutern kann, macht den Einheimischen zum "Insider" und gibt ihm das Gefühl, heimisch zu sein."
Der Blick auf ungewöhnliche Rituale wird Einheimischen durch ihre Vertrautheit nicht selten versperrt. Sie werden eher von Auswärtigen wahr genommen. So beschreibt der Londoner John Conen in seinem Buch "Bamberg and Franconia: Germany's Brewing Heartland" viele Rituale (Regeln, Verhaltensweisen) beim Biertrinken und Gaststättenbesuch in Bamberg und Umgebung, die man, wenn man dort lebt, in Fleisch und Blut übergegangen sind. Er hat sie bei seinen zahlreichen Besuchen in Bamberg gesammelt. Nebenbei: sein englischsprachiges Buch ist das beste Buch zum Thema; es gibt auch kein deutschsprachiges, das ihm Paroli bieten kann.

In der neuesten Ausgabe der "Allgemeinen Hotel- und Gastronomie-Zeitung" wird auf einen besonderen Service hingewiesen, den das Münchener Hofbräuhaus seinen Stammgästen bietet. Man kann dort für 284 Euro per anno eine Art Schließfach mieten, in den man seinen persönlichen Bierkrug einschließen kann: "Privilegierte Gäste schließen Krug ein". Wenn die Deckel der Maßkrüge offen stehen, weiß die Bedienung, das Nachschub erwünscht ist. In Bamberg, wo man die meist offenen Bierkrüge mit einem Bierdeckel vor herabfallenden Tieren schützt, legt man seinen Krug auf die Seite, um zu signalisieren, daß er leer ist und die Bedienung einen weiteren gefüllten Bierkrug (bei Halbliterkrügen "Seidla" genannt) bringen möge.

Das Münchener Hofbräuahaus ist auch die einzige Gaststätte (zumindest soweit mein Blick reicht), die auf ihrer Homepage ihren Stammgästen eine direkten Link zu einer Übersicht aller Stammtische (Gruppen), die sich dort treffen, widmet. Es sind rund 90 Stammtische, die teilweise auch im Bild und mit weiterführenden Informationen vorgestellt werden, wie z.B. der Verein gegen betrügerisches Einschenken e.V., eine Institution, die es in Franken bezeichnenderweise nicht gibt, sondern nur in der Stadt, wo das Oktoberfest stattfindet.

Solche Ideen lassen sich nicht nur für Bier von anderen Gaststätten kopieren. Sie lassen sich auch auf andere Getränke übertragen. Variationen in der Spitzengastronomie sind Zigarren, die im Humidor einer Bar, auf ihre Eigentümer warten (natürlich vorausbezahlt), oder edle Obstbrände, vorausbezahlte Flaschen, die mit Namensschildern versehen, in Glasvitrinen ausgestellt werden, wie etwa in der Newman's Bar des Hotels Ritz-Carlton in Wolfsburg.