Freitag, November 10, 2006

Bewerberauswahl per StudiVZ II.

Kai Siering schreibt in seinem Beitrag "Studivz - die allmorgendliche Zusammenfassung (2)", in: Blogdoch.net vom 9. November 2006 als Replik auf meinen Beitrag "Bewerberauswahl per StudiVZ":
"Mal abgesehen davon, daß das formal wohl Fake-Accounts voraussetzten würde".
Dies ist falsch. StudiVZ schreibt zwar in den AGB: "Des weiteren dürfen nur solche Leute den Service nutzen, die das 16. Lebensjahr vollendet haben und im wesentlichen als Student oder Studentin (nachfolgend ?Studierende? oder ?Student? genannt) gelten." Aber bereits im Anmeldeformular gibt es eine Auswahloption Alumni und akademisch vorgebildete Personalchefs sind eher die Regel als eine Ausnahme, zumindest wenn es sich das Unternehmen leisten kann, einen Universitätsabsolventen einzustellen. Wenn man unter Alumni nicht nur solche ehemaligen Universitätsangehörigen versteht, die ihr Studium erfolgreich abgeschlossen haben, sondern auch Studienabbrecher, erweitert sich der Kreis der auch formal Anmeldeberechtigten darüberhinaus erheblich.

Tatsächlich - so mein Eindruck aus vielen Gesprächen mit Nutzern von StudiVZ in den letzten Tagen - ist ein nicht unerheblicher Anteil der Nutzer nicht immatrikuliert. Sie wählen, da die Anmeldung die Auswahl einer bestimmten Universität verlangt, eine solche Zuordnung zwar vor, sehen sie aber eher als Zuordnung zu einer Stadt/Region an. Diese Nutzer haben dabei kein schlechtes Gewissen (warum auch?) und geben meist offen auch ihren wirklichen Arbeitsplatz oder die Schule an, die sie besuchen. Zudem sind heutzutage die Übergänge von Studium und Arbeit fließend. Siehe dazu etwa die Neuerscheinung "Wir nennen es Arbeit" von Holm Friebe, Sascha Lobo.

Die amerikanische Vorlage Facebook hatte zeitweilig die Zugangsvoraussetzungen enger gefaßt und kontrolliert und ist schnell wieder davon abgekommen. Wenn wirklich vorab oder nachträglich geprüft werden würde, ob ein Teilnehmer studiert, würde sich das Wachstum der Nutzerzahlen meines Erachtens erheblich verlangsamen. Für eine solche Überprüfung besteht meines Erachtens auch keine Notwendigkeit, denn die sich konform verhaltende Nichtstudierende mindern den Wert der Community aus Nutzersicht nicht. Und wenn jemand negativ auffällt, bleibt er isoliert.

Ich würde einem Personalverantwortlichen, der StudiVZ nutzen möchte, dazu raten, mit offenem Visier zu arbeiten und explizit anzugeben, wozu er seinen Account (auch) nutzen möchte.

Er könnte z.B. eine Gruppe einzurichten, in die er als Moderator in Frage kommende Bewerber einlädt bzw. zu der sich Bewerber eigeninitiativ anmelden können. Die Beschreibung der Gruppe könnte die wichtigsten Informationen über die ausgeschriebene Stelle enthalten - vergleichbar einer Stellenausschreibung. Für die Bewerber hätte dies den Vorteil, daß sie sich an keine anonyme Personalabeilung wenden müssen, sondern mit einer Person Kontakt aufnehmen, die sich seinerseits mit einem Profil mehr oder wenig offen darstellt. Die Fragen und Antworten, die in dieser Gruppe gegeben werden, erleichtern beide Seite die Arbeit. Oft enthalten Stellenausschreibungen, wie sie in den Printmedien üblich sind, zu wenige Informationen und zudem bevorzugt solche, die die Bewerber weniger interessieren.

Eine ganz andere Frage ist, ob StudiVZ und vergleichbare Community-Portale solche Nutzungen nicht aktiv entwickeln und als Dienstleistungen Unternehmen kostenpflichtig anbieten werden. Für die Nutzer böte dies den Vorteil, sich recht einfach vor einer formalen Bewerbung informieren zu können und ihre meist prekäre Chance, eine Stelle zu finden, zu verbessern. Die Unternehmen andererseits könnten Bewerber ganzheitlich beurteilen.