Freitag, November 03, 2006

Bio baut seine Marktposition international aus.

Ein Hauch von "Dolce Vita", angereichert mit den Wohlgerüchen der mediterranen Küche, durchweht die Hallen der BioFach 2007 und macht ordentlich Appetit: auf das Weltangebot an Bio-Produkten, "serviert" von rund 2.100 Ausstellern. Zwei Drittel von ihnen reisen extra aus dem Ausland an, wenn sich vom 15. bis 18. Februar 2007 die internationale Bio-Branche wieder im Messezentrum Nürnberg trifft. Als Land des Jahres zieht diesmal Italien alle Blicke auf sich und überzeugt die erwarteten gut 37.000 Fachbesucher durch Qualität und Vielfalt italienischer Bio-Delikatessen.

Neu 2007: Die Weltleitmesse für Bio-Produkte bekommt eine schöne Tochter. Vivaness heißt die neue Fachmesse für Naturkosmetik und Wellness, die mit über 200 Anbietern hochwertiger Naturkosmetik- und Körperpflegeprodukte erstmals als eigenständige Fachmesse deutlich größer und mit erweitertem Angebot an den Start geht. BioFach und Vivaness finden stets zeitgleich in Nürnberg statt.

Mit sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten entwickeln sich international Bio-Fachhandel und Supermarktketten. Zu den Boom-Ländern gehören derzeit die USA, Deutschland, Großbritannien und Schweden. In diesen Ländern wird in den nächsten fünf Jahren mit einer Verdopplung des Bio-Umsatzes gerechnet. Sie sind Impulsgeber im internationalen Wettbewerb um die besten Bio-Konzepte und wichtige Importmärkte. Damit unterstützen sie Bio-Anbau und Verarbeitung in vielen exportorientierten Ländern. Fast überall in Europa gewinnt Bio-Anbau an Boden.

Beispiel Spanien: Mit einem Zuwachs von 10 % auf 808.000 ha ökologisch bewirtschafteter Fläche und einem Plus von 8 % auf über 2.000 Verarbeiter im Jahr 2005 gehört Spanien zu den EU-Spitzenreitern.

Deutschland: Bio-Appetit hält an ? 160.000 Arbeitsplätze

Seit drei Jahren steigt der Umsatz der gesamten Bio-Branche im zweistelligen Bereich. Bio-Produkte im Wert von 3,9 Mrd. EUR ließen sich die Deutschen 2005 schmecken (Prof. Ulrich Hamm, Uni Kassel). Für 2006 wird erneut mit einem Zuwachs vom mehr als 10 % gerechnet. Vor allem die Neugründungen von 40 bis 60 Bio-Supermärkten pro Jahr und die Aktivitäten der Discounter tragen deutlich zum Marktwachstum bei. Zudem steigt das Qualitätsbewusstsein der Verbraucher angesichts ständig neuer Lebensmittelskandale oder genmanipulierter Lebensmittel. Allein in Berlin gibt es mit über 30 Bio-Supermärkten mehr als in jeder anderen deutschen Stadt. 2005 öffneten hier 9 neue Märkte mit über 200 m2 Verkaufsfläche.

Allerdings führt zunehmender Wettbewerb zu deutlichen Veränderungen bei den Marktanteilen. Wer nicht investiert, sein Angebot aktualisiert und erweitert, leidet auch in der boomenden Bio-Branche unter wirtschaftlichen Einbußen. Durch eine bessere Verfügbarkeit von Bio-Produkten in Bio-Supermärkten, im LEH und bei Discountern geraten bäuerliche Direkt-vermarkter, aber auch kleinere Naturkostläden unter Druck. Während der LEH 2005 seinen Marktanteil auf 41 % (+4 %) ausbaute, sank die Erzeuger-Direktvermarktung auf 14 % (-2 %). Rückgänge auf 6 % (-2 %) machten auch der Reformbranche zu schaffen. Trotz steigender Umsatz-zahlen ging der Anteil des Naturkostfachhandels auf 25 % (-1 %) leicht zurück. Ebenfalls 1 % Verlust auf 6 % mussten Bio-Metzger und -Bäcker verkraften. Gewinner waren neben dem LEH auch Drogeriemärkte, Liefer-dienste und Verarbeitungsunternehmen, die auf 8 % (+1 %) zulegten (Prof. Hamm). Nicht gesondert ausgewiesen sind hier Discounter, die besonders profitiert haben dürften. Der Umsatzanteil von Bio-Lebensmitteln am gesamten Lebensmittelhandel wird sich von heute 3 % bis 2010 verdoppeln, so das Ergebnis einer Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG und des EHI Retail Institute, Köln.

Nach Schätzungen des PresseForum BioBranche sichert der Bio-Markt das Einkommen von rund 160.000 Arbeitskräften in Deutschland, die in Erzeugung, Herstellung, Handel und Dienstleistung tätig sind.22.032 zertifizierte Erzeuger, Hersteller und Verarbeiter von Bio-Lebensmitteln registrierte die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) Ende 2005. Hinzu kommen die von der Statistik nicht erfassten Non-Food-Hersteller u. a. von Naturkosmetik, ökologischen Wasch- und Reinigungsmitteln, Naturtextilien sowie Zulieferer, Dienstleister, Verbände usw.

Bio-Branche in Dänemark hat Stagnation überwunden

Dänemarks Bio-Branche ist nach fünf Jahren der Stagnation wieder auf dem Wachstumspfad. Laut "Danmarks Statistik" stieg der Bio-Umsatz 2005 um 12 %. Bei den großen Einzelhandelsketten, die zusammen etwa 80 % der dänischen Bio-Umsätze erzielen, war das Wachstum moderat. Spitzenreiter im LEH bleibt weiterhin die zu Coop gehörende Kette Irma. Hier stieg der Bio-Umsatzanteil von 11 auf 13 %. Im Fachhandel eröffnete die von Bauern betriebene Bio-Ladenkette Gaardbutikken 2006 ihre vierte Filiale.

Die schwedische Regierung möchte den Anteil der zertifizierten Bio-Landwirtschaft auf 20 % im Jahr 2010 erhöhen. Bereits Ende 2005 waren 19 % Ökolandbau erreicht, aber nur 7 % der Landbauflächen bei Kontrollstellen registriert. Daher fördert die Regierung die Zertifizierung. Ein Viertel aller Kantinen in öffentlichen Einrichtungen soll bis 2010 leckere Bio-Gerichte anbieten. Marktexperten schätzen, wenn der öffentliche Sektor bis 2010 seine Bio-Einkäufe auf 25 % erhöht, führt das zu einer Verdoppelung des Bio-Marktvolumens in Schweden von 434 Mio. EUR im Jahre 2005.

Großes Engagement der Supermarktketten in Großbritannien

Während der britische Lebensmittelmarkt 2005 um lediglich 3 % zulegte, schritt der Bio-Markt mit beachtlichen 30% voran, dreimal so viel wie im Vorjahr, berichtet der britische Bio-Verbandes Soil Association. Der Gesamtumsatz erreichte 1,6 Mrd. GBP (2,3 Mrd. EUR). Zwei von drei Verbrauchern in Großbritannien wählen bewusst Bio-Produkte. Sogar über die Hälfte der Geringverdiener kauft jetzt Bio-Qualität. Die Soil Association rechnet bis zum Ende des Jahrzehnts mit 3 Mrd. EUR Bio-Umsatz in Großbritannien. Führend in der Bio-Vermarktung sind die Supermarktkonzerne Sainsbury?s mit inzwischen 1.000 Bio-Produkten und der Bio-Eigenmarke "SO organic" sowie Waitrose mit 1.500 Bio-Artikeln einschließlich vorverarbeiteter Gerichte. Sainsbury?s hält einen Marktanteil von 30 % am britischen Bio-Markt. Waitrose punktet 2005 mit 18 % Wachstum. Sainsbury?s und Tesco sind großflächig in die Belieferung von Kunden mit Bio-Gemüsekisten eingestiegen. Auch die Supermarktkette Asda, die zu Wal-Mart USA gehört, kündigte ihr verstärktes Engagement im Bio-Bereich an.

Schnelle Zunahme der Öko-Flächen in Mittelost- und Osteuropa

Das rapide Wachstum der ökologisch bewirtschafteten Flächen in Mittelost- und Osteuropa bietet einerseits ein interessantes Exportpotential, andererseits wird zunehmend die Vermarktung im eigenen Land verbessert. Auf 50 Mio. EUR schätzt die deutsch-polnische Unternehmensberatung SixtyTwo den Bio-Umsatz in Polen. 2005 haben sich Anzahl der Öko-Betriebe auf 7.183 und Öko-Fläche auf 167.740 ha verdoppelt. Bislang hinkten Verarbeitung und Vermarktung von Bio-Erzeugnissen der schnell wachsenden Zahl an Bio-Höfen hinterher. Das polnische Landwirtschafts-ministerium sieht deshalb für Bio-Promotion rund 3,1 Mio. EUR vor. Das Marketingprogramm soll der besseren Markterschließung dienen.

1993 gab es in Litauen nur 148 ha Bio-Fläche, ein gutes Jahrzehnt später, Ende 2005, waren es bereits 70.389 ha. Dies entspricht einem Bio-Anteil von 1,5 %. Die litauische Regierung unterstützt den Bio-Anbau seit 1997 durch Direktzahlungen. Der "Country Development Plan" für 2004 bis 2006 sieht einen Öko-Anteil von 5 % an der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche vor. Der Aktionsplan des Landwirtschaftsministeriums in Lettland baut auf einen Flächenanteil von 2,3 % bis Ende 2006. Der Absatz von Bio-Produkten auf dem einheimischen Markt soll auf 2 % ansteigen.

Steigende Bio-Nachfrage bei Verbrauchern in der Türkei

Seit Sommer 2006 findet in Istanbul jeden Samstag der erste Bio-Wochenmarkt der Türkei statt. Das Angebot der rund 100 Stände ist vollständig kontrolliert biologisch ? und das zu moderaten Preisen, die kaum 20 % über denen konventioneller Ware liegen. Die Betreiber freuen sich über 2.500 bis 3.000 Marktbesucher. Mehl und Getreide in Bio-Qualität sind bislang nicht in ausreichendem Maß auf dem türkischen Bio-Markt verfügbar. Daher entwickelte die Istanbuler Stadtverwaltung ein Vertragsanbau-Projekt. Inzwischen bäckt die Istanbuler Bäckerei IHE Bio-Brot und sponsert die Weiterbildung der Bauern. Das Projekt wurde 2005 in zehn Städten der Türkei mit dem Namen ?Bio-Landbau ? Bio-Brot? ins Leben gerufen. Für 2006 sind dafür 14.000 t Getreide von 1.300 Bio-Bauern eingeplant. Zwei Bio-Handelsketten, Ecolife und City Farm, errichten derzeit ein Filialnetz von Bio-Fachgeschäften für die 15-Millionen-Einwohner-Metropole.

USA: weltgrößter Bio-Markt weiterhin mit starken Steigerungsraten

Durch den Einstieg großer Lebensmittelketten wie Wal-Mart, Supervalu und Safeway in den Bio-Markt ist in den USA auch 2006 wieder mit steigenden Absatzzahlen von Bio-Lebensmitteln zu rechnen. 2005 betrug der Umsatz 13,8 Mrd. US-Dollar (10,9 Mrd. EUR). Das entspricht knapp dem Drei-fachen des deutschen Bio-Marktes. Der Bio-Anteil am gesamten US-Lebensmittelmarkt liegt mit 2,5 % etwas unter dem deutschen Wert.

Noch hält der Fachhandel mit 47 % beachtliche Marktanteile. Das könnte sich durch den Markteintritt der konventionellen Ketten zusehends ändern. Allerdings zählen in den USA auch Naturkost-Supermärkte wie Whole Foods mit Verkaufsflächen von 3.000 bis 5.000 m2 und die Kette Wild Oats zum Fachhandel. 46 % des Umsatzes laufen nach Angaben der Organic Trade Association (OTA) über den konventionellen LEH, rund 7 % über Bauernmärkte, Direktvermarkter und Lieferdienste.

Nachhaltiges Wirtschaften verspricht gute Umsatzzuwächse

Große Zuwächse im Bio-Lebensmittelbereich fügen sich nahtlos in die Diskussion um Nachhaltigkeit, Klimawandel und Gentechnik ein. Sie erfasst auch den Non-Food-Sektor. Demnächst gibt es Jeans in Öko-Qualität. Die britische Supermarktkette Tesco engagiert sich stärker für Naturtextilen. Eine Neubewertung der Konsumgewohnheiten kommt Unternehmen zugute, die frühzeitig ihre Produktion umweltfreundlich ausrichten. (Quelle: Pressemitteilung der Biofach).