Freitag, Dezember 01, 2006

Wird StudiVZ ueberleben?

Robert Basic sinniert der Frage nach, ob StudiVZ die gegenwärtige Krise überleben oder gar gestärkt daraus hervorgehen wird: "Geht StudiVZ unter II".

Seit dem 4. November bin ich als teilnehmender Beobachter selbst Mitglied dieser virtuellen Community und habe zudem in meinem realen Bekanntenkreis viele Mitglieder. Zur Zeit ist StudiVZ offline. Vermutlich basteln die Macher daran, die zu Recht bemängelten Sicherheitslücken zu beseitigen, statt die Architektur grundlegend zu ändern.

Mein persönlicher Eindruck zur Frage, ob StudiVZ für die Mitglieder wichtig ist, was ja für das Überleben von StudiVZ nicht ganz unwichtig sein dürfte:
  • StudiVZ macht viele Teilnehmer "süchtig", in dem Sinne, daß Mitglieder einen Verlust erleiden, wenn der Dienst wie zur Zeit nicht erreichbar ist. Die Kommunikation mit vielen Menschen, die man vorher schon kannte, läuft der Einfachheit halber zu einem großen Teil über StudiVZ ab, ergänzt durch SMS, ICQ, Telefon oder auch persönliche Treffen vor Ort. Der Ausfall zwingt dazu, zerstreute Tools und Verbindungswege wieder hervorzukramen oder man verharrt in der Hoffnung, daß StudiVZ bald wieder online ist.
  • Die Kommunikation mit Menschen, die man per StudiVZ kennengelernt hat und von denen man Telefonnummern oder ICQ-Adressen usw. noch nicht kennt, ist mit dem Ausfall von StudiVZ - zumindest vorübergehend - zusammengebrochen. Mich hat dies gestern um einen Kaffee mit einer wirklich netten Jurastudentin aus Bayreuth gebracht - wirklich ärgerlich, sage ich mal als alter Chauvi.
  • Ich habe in den letzten Wochen StudiVZ intensiver genutzt als in den letzten Jahren andere Tools bzw. virtuelle Communities wie z.B. ICQ oder OpenBC. Dies liegt an der großen Anzahl der Bekannten, die ich dort gefunden habe, und an deren intensiven Nutzung von StudiVZ. Sie sind ständig bei StudiVZ angemeldet, wenn sie online sind und nutzen StudiVZ wenigstens im Hintergrund. Für viele anderen Menschen, die in einer Universitätsstadt leben, selbst studieren oder Alumni sind, dürfte dies in ähnlicher Weise zutreffen. Von den studentischen Mitarbeitern meines Café Abseits ist die Hälfte Mitglied (d.h. praktisch alle, die einen leicht zugänglichen bzw. eigenen Internetanschluß haben) und davon nutzt wiederum die Hälfte StudiVZ extensiv.
  • Alle Kommunikationswege, die StudiVZ bietet, also Nachrichten (eine Art interne Mail), Pinnwandeinträge (vergleichbar mit Foren oder Gästebüchern), Gruppen (vergleichbar mit Foren und Mailinglisten), Fotos (vergleichbar mit Foto-Communities) gibt es auch anderswo. Doch StudiVZ bietet all dies in einfach zu bedienender Weise, ohne dass man erst ermitteln muß, wo sich ein großer Teil der Bekannten rumtreibt. Originär für Deutschland ist "Gruscheln", ein Ping auf eine andere Person, vergleichbar mit einer Ansichtskarte (ohne Text und Foto), deren Text der Empfänger frei interpretieren kann.
  • Begriffe aus der Welt des StudiVZ werden auch im Offline-Sprachgebrauch verwendet. Aus "Guten Tag, "Hallo" oder "Grüß Gott" wird "Ich gruschel Dich" oder kurz "Gruschel". Einige beginnen zudem, sich etwa durch T-Shirts als StudiVZ-Mitglied zu "outen", um auch offline leichter Kontakt shließen zu können.
  • Gäste und Mitarbeiter des Cafés kennen sich nicht mehr nur von vor und hinter der Theke, sondern auch von ihren Selbstdarstellungen bei StudiVZ. Das geht soweit, daß wir neue Gäste gewinnen, die Mitarbeiter, andere Gäste oder auch mich besuchen, weil man sich im StudiVZ "über den Weg gelaufen" ist.
  • Die Unzulänglichkeiten von StudiVZ, der unzureichende Datenschutz oder auch das flegelhafte Verhalten von Mitgliedern und sogar Mitarbeitern von StudiVZ wird verfolgt, spielt aber insoweit keine große Rolle, als Studenten gemeinhin wissen, was sie über sich preisgeben wollen und was nicht. Zudem ist häufig nicht zu erkennen, was gefakt ist, Maskerade. Und daß unter mehreren Hundertausend Mitgliedern auch Arschlöcher sind, kann niemand verwundern.
Viele der beobachteten Phänomene sind mir aus Spekulationen über denkbare Entwicklungen von virtuellen Communities durchaus bekannt. Doch StudiVZ ist die erste virtuelle Community, bei der ich persönlich erleben konnte, daß es so passiert, wie Howard Rheingold es 1993 in seinem Werk "The Virtual Community" formuliert hat:
"Virtual communities are social aggregations that emerge from the Net when enough people carry on those public discussions long enough, with sufficient human feeling, to form webs of personal relationships in cyberspace."
Mit Einschränkungen gilt dies auch für Xing/OpenBC, eine virtuelle Community, der vergleichsweise der Spaßfaktor abgeht, wenn man von dem harten Kern absieht, der etwa an regionalen Treffen teilnimmt.

Technorati-Tag: StudiVZ.