Montag, Februar 19, 2007

Der Wulff im Schafspelz.

Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) hat sich dafür ausgesprochen, einen gesetzlichen Mindestpreis für Bier in der Gastronomie festzulegen. Er solle 3,60 Euro je 0,5 Liter betragen.

Können Sie diese Meldung glauben? Sie ist nicht ganz richtig. Nicht den Mindestpreis für Preis für Bier will der Populist per Gesetz festlegen lassen, sondern den Mindestpreis für eine Stunde Arbeit, was seine Forderung nicht vernünftiger macht: "CDU-Wulff für Mini-Mindestlohn", in: Junge Welt vom 19. Februar 2007.

Wie sehr die ideologische Debatte um einen gesetzlichen Mindestlohn an der Lebenswirklichkeit vorbei geht, zeigt ein Blick auf - nicht repräsentative - Löhne von Bartendern, die Tanja Bempreiksz und Helmut Adam im Drinkblog zusammengestellt haben: "Was verdient ein Bartender?" vom 19. Februar 2007.

Das Trinkgeld macht bei vielen Jobs, neben Bartendern, Bedienungen unter anderen auch bei Friseuren, einen erheblichen Teil der Einnahmen aus, mitunter übersteigt das Trinkgeld sogar den Lohn. Für Arbeitnehmer ist entscheidend, mit wieviel Geld sie nach Hause gehen. Da das Trinkgeld lohnsteuerlich und sozialversicherungsrechtlich nicht (mehr) als Lohn gilt, würde ein hoher gesetzlicher Mindestlohn dazu führen, daß die Gesamteinnahmen aus Lohn und Trinkgeld bei Jobs, die bislang schlecht bezahlt werden, aber viel Trinkgeld einbringen, stark steigen. Es käme zu Anpassungsprozessen:
  • Arbeitgeber würden gesetzeswidrig weniger zahlen als den gesetzlichen Mindestlohn und Arbeitnehmer wären bereit, angesichts des hohen Trinkgeldaufkommens, sich mit niedrigeren Löhnen zufrieden zu geben.
  • Eventuell würde geregelt, daß das Trinkgeld dem Unternehmen zufließt.
  • Die Preise in der Bedienungsgastronomie würden bis zu einer Grenze steigen, bei der die Gäste nicht mehr bereit wären, (viel) Trinkgeld zu geben.
Mittel- und langfristig hätte ein gesetzlicher Mindestlohn, der über dem Marktlohn liegt, erhebliche Auswirkungen auf die gastgewerblichen Produktions- und Servicesysteme haben:
  • In der Hotellerie würden service-arme Konzepte, etwa mit Selbst-Check -In und Selbst-Check-Out, Getränkeautomaten statt Mini-Bar, Hotels garni, nicht mehr täglicher Reinigung, Bettenmachen, Wäschwechsel usw. Marktanteile gewinnen.
  • In der Gastronomie würden Betriebe von Bedienung auf Teilbedienung und Selbstbedienung umstellen, ihren Convenience-Grad erhöhen, von Mehrweg auf Einweg umstellen, von Fassbier auf Flaschenbier, die Öffnungszeiten verringern, Take-Away im Verhältnis zum Lieferservice forcieren usw.
Salopp formuliert: der Service würde schlechter werden, weil viele einfachen Arbeiten nicht mehr zu akzeptablen Preisen angeboten werden können. Und auf der anderen Seite würden viele Menschen, die nur einfache Arbeiten anbieten können, insbesondere Randgruppen und solche Menschen, die kaum andere berufliche Alternativen haben, arbeitslos.