Montag, April 23, 2007

Im Wirtshaus - Eine Geschichte der Wiener Geselligkeit.

Im Atrium des Wien Museums werden vom 18. April bis 23. September 2007 23 typische Wiener Wirtshäuser präsentiert - mit Originalobjekten, Speisekarten und Fotodokumenten: "The Local Tavern - History of Viennese conviviality".Das Wien Museum schreibt dazu in einer Pressemitteilung:
"Erste große Ausstellung zur Wiener Gasthauskultur

Essen, trinken, Schmäh führen, Karten spielen, anbandeln, politisieren. Als Ort der Geselligkeit ist das Wiener Wirtshaus seit Jahrhunderten ein Fixpunkt. Doch als Mythos rangiert es hinter Kaffeehaus und Heurigem. Denn das Beisl ums Eck steht für städtischen Normalbetrieb. Zugleich ist es ein Mikrokosmos des Alltäglichen. Das Wien Museum Karlsplatz zeigt nun die erste große kulturhistorische Ausstellung zur Wiener Gasthauskultur: 'Im Wirtshaus'.

Das Wirtshaus existiert in vielen Varianten. Um 1800 wird von dumpfen Weinkellern ebenso berichtet wie von gutbürgerlichen Gaststätten. Der Trakteur war eine Frühform der Schnellgastronomie, in der Weinhalle versackten die stillen Zecher. Vor 150 Jahren waren riesige Etablissements mit Extrazimmern und Tanzsälen populär. Und es entstanden in den schnell wachsenden Arbeiterbezirken zahllose kleine Beisln. Im 20. Jahrhundert hatte das Wirtshaus oft mit anderen Nahversorgern wie den Schnellimbissen zu kämpfen, dazu kam der Verlust des Ausschank-Monopols. Nach der Beisl-Renaissance Ende der 70er Jahre kann man heute von einer Blüte der Wiener Gasthauskultur sprechen: Das Spektrum reicht vom Edel-Wirtshaus mit neu interpretierter Wiener Küche bis zum erdigen Beisl.

Stehschank und Stammtisch

Bei aller Verschiedenheit gibt es typische Merkmale eines Wirtshauses: Die Stehschank mit der wuchtigen Kühlwand, der Stammtisch, die Schiefertafel mit den Klassikern der Wiener Fleischküche. Aber es kommt auch auf den Besuchermix an - und auf die „organisierte“ Geselligkeit: Im halböffentlichen Raum des Wirtshauses treffen sich seit jeher Stammtischrunden, Vereine und politische Gesinnungsfreunde.

Neben diesen Themen erzählt die Ausstellung vom Wirtshaus als Vergnügungsort, von Musik, Tanz und der berüchtigten Lokalszene in Neulerchenfeld. Weiters auf dem 'Menüplan': Der Wirt und die Wirtin als - oft berühmte - Hauptfiguren; Bier und Wein, die lange in Konkurrenz standen; Alkoholismus und Abstinenzler-Bewegung u. v. m. Zu sehen sind rund 700 Objekte, u. a. historisches Küchengerät, Speisekarten, Schilder & Fässer, Hauszeichen, Möbel, Plakate, Filmausschnitte, Flugschriften und Kunstwerke. Zusätzlich wird im Atrium des Museums am Beispiel von 23 Lokalen eine Typologie der aktuellen Wiener Wirtshauskultur präsentiert.

Rundgang durch die Ausstellung

Was ist typisch für ein Wiener Wirtshaus? Mit dieser Fragestellung wird der Besucher zu Beginn der Schau konfrontiert: Sind es die Wirtsleute? Die 'Budel'? Oder das Maggi-Ensemble? Trotz vieler Varianten lassen sich gewisse Konstanten feststellen. So ist die klassische Einrichtung eines Wirtshauses standardisiertes anonymes Design, Resultat eines über Jahrhunderte optimierten Funktionalismus.

Von solchen generellen Überlegungen ausgehend, eröffnet sich ein historisches Panorama der Wiener Gastwirtschaft. Früheste Spuren führen in die Römerzeit. Erst kürzlich wurde im heutigen 3. Bezirk eine römische Garküche von Archäologen entdeckt. Fundstücke daraus sind in der Ausstellung erstmals öffentlich zu sehen. Diese Attraktion ist der Wiener Stadtarchäologie zu verdanken, die in monatelanger Detailarbeit den Fund gesichert und wissenschaftlich bearbeitet hat.

Neulerchenfeld:


von 155 Häusern 83 Wirtshäuser Öffentliche Wirtshäuser im heutigen Sinne entstanden erst in der Neuzeit, wobei im 19. Jahrhundert ein richtiger Boom einsetzte. Dieser machte sich vor allem in den Vororten bemerkbar, denn außerhalb des Linienwalls waren Essen und Trinken auch aus steuerlichen Gründen preiswerter. Als Fallbeispiel wird Neulerchenfeld vorgestellt, das als 'Größtes Wirtshaus des Heiligen Römischen Reiches' bezeichnet wurde. 1803 hatten dort von 155 Häusern 83 Bier- oder Weinausschank. Typisch für die Wirtshauskultur der Zeit war auch das Etablissement Schwender in Fünfhaus, das neben Weinhalle, Bierkeller, Sängerstube und Kegelbahn große Tanzsäle umfasste. Dort spielten unter anderem Johann und Josef Strauß mit ihren Orchestern auf.

Mit dem rasanten Bevölkerungswachstum in den Arbeiterbezirken in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg auch die Zahl der einfachen Beisln, die lange Zeit wichtige Nahversorger-Funktionen übernahmen. Neue Einkaufsmöglichkeiten und veränderte Konsumgewohnheiten führten spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem 'Wirtshaussterben'. Die Ausstellung führt bis in die jüngste Vergangenheit inklusive der Beisl-Renaissance ab den 1970er Jahren. Der Begriff 'Beisl' wurde in dieser Zeit von seinem negativen Image befreit und zugleich erweitert. Mit 'Beisl' bezeichnete man ab sofort auch die boomenden Szenelokale.

Fünf Extrazimmer mit thematischen Schwerpunkten

Die Schau setzt in fünf 'Extrazimmern' Schwerpunkte. Eines ist dem Personal und den Wirtsleuten gewidmet, die untrennbar mit der Institution Wirtshaus verbunden sind. Legendär die Wirtin des Gmoa-Kellers, die ein strenges Regiment führte und bei Gelegenheit selbst dem seinerzeitigen Bundeskanzler Franz Vranitzky kurzfristig den Eintritt verwehrte.

Vereine und der Stammtisch stehen ebenfalls im Fokus. Während in der Anfangsblüte des Vereinswesens noch die literarischen, politischen oder 'Wissensvereine' dominierten, rückte später immer mehr das Hobby in den Mittelpunkt, ob das nun Taubenzüchten oder Fußball ist. Beim Stammtisch ist der Name Programm: Hier gelten ungeschriebene Regeln und Gesetze, die ein Außenstehender zu beachten hat. Und es stellt sich die Frage, wie viel Platz und welche Rollen im Gasthaus für Frauen vorgesehen waren bzw. sind.

Um organisierte Treffen geht es auch im 'Politik-Extrazimmer'. Denn der halb-öffentliche Raum des Wirtshauses bot schon immer beste Gelegenheit für konspirative Zusammenkünfte, wie etwa der revolutionären Studenten und Bürger im Jahre 1848. Die Angst vor unkontrollierbarem Aufruhr hat über Jahrhunderte hinweg das Misstrauen der Obrigkeit ausgelöst, mit Verboten und Bespitzelungen als Folge. Für die Sozialdemokraten war es zur Mobilisierung der Wählerschaft ebenso wichtig wie für die Bürgerlichen.

Derbe Tänze, zotige Lieder

Musik, Tanz und Spiel haben seit jeher Publikum angelockt. Als Musiker von Schenke zu Schenke zu ziehen, war bis ins 19. Jahrhundert als Versorgungsjob armen Studenten und Kriegsinvaliden vorbehalten. Derbe Tänze und zotige Lieder mischten sich mit Kritik an der Obrigkeit, oft sehr zum Missfallen der Zensur. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts verlor die Live-Musik an Bedeutung.

Ein weiteres 'Extrazimmer' ist schließlich dem Essen und Trinken gewidmet. Hier wird die deftige Wiener Fleischküche als Hauptspeise serviert, begleitet von Beilagen wie den vegetarischen Alternativen, die zumindest in Notzeiten eine wichtige Rolle gespielt haben. Ein großes Thema sind die vornehmlich alkoholischen Getränke. Dass im Wirtshaus lange Zeit mehr Wein als Bier konsumiert wurde, ist heute kaum mehr jemandem bewusst. Die immer wieder kehrenden Debatten rund um den Alkoholismus haben jedenfalls in der Geschichte des Wirtshauses ihre Spuren hinterlassen.

Die Ausstellung entstand in enger Kooperation mit zahlreichen Wiener Wirten und der Fachgruppe Gastronomie in der Wirtschaftskammer Wien. Die Präsentation im Atrium bringt 23 typische Wirtshäuser direkt ins Museum - mit außergewöhnlichen Originalobjekten, Speisekarten und Fotodokumenten: ein Panorama der florierenden aktuellen Wirtshauskultur. Das Wien Museum bedankt sich zudem ganz herzlich bei der Wiener Stadtarchäologie, ohne deren Einsatz die Fundstücke des frühesten bekannten Wiener Wirtshauses aus der Römerzeit nicht in der Ausstellung zu sehen wären.

Kinderwirtschaft & Wirtshauskost im Wien Museum Karlsplatz

Das Wien Museum Karlsplatz bietet im Atrium wieder Spielmöglichkeiten für Kinder. Unter dem Motto 'Kinderwirtschaft' steht dem Nachwuchs eine eigene Spiel-Schank und Stammtische zur Verfügung. Man kann sich als Wirt/in oder Kellner/in verkleiden, Brettspiele ausprobieren oder mit Bierdeckeln eigene (Wirts-)Häuser bauen. Wer in der Ausstellung Appetit bekommen hat, kann sich außerdem im Museumsbeisl (ebenfalls im Atrium) verköstigen lassen. Während der Dauer der Ausstellung versorgt Jürgen Wiesenhofer vom Cateringunternehmen Apartment 02 die Besucher/innen mit Schmankerln und Klassikern der Wiener Küche - vom 'Gselchten' mit Kraut und Knödel bis zur Tafelspitzsulz. Außerdem gibt es sonntags von 9 bis 13 Uhr einen Familienbrunch mit Wiener Frühstücksbuffet."